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Arthur Weber zum 90. Geburtstag

Ansprachen seiner Freunde
Vorträge von Trägern des Arthur-Weber-Preises
gehalten am 3. August 1969
in Bad Nauheim
Herausgegeben namens der
Arthur-Weber-Stiftung
von Franz Büchner, Freiburg i. Br.

Hochverehrter, lieber Herr Weber,

erlauben sie mir, daß ich in dieser Feierstunde im Namen der Arthur-Weber-Stiftung FORSCHEN UM ZU HELFEN vor dem hier versammelten Kreis unsere Glückwünsche ausspreche und damit einige Gedanken der Besinnung auf Ihr Leben verbinde.

Würde man Ihre Wesens- und Lebensart etwa nach Eduard Sprangers Buch "Lebensformen" zu typisieren wagen, so käme man leicht dazu, Sie dem theoretischen Menschentyp zuzuordnen, in Ihnen ausschließlich den Forscher zu würdigen, der seit fast 70 Jahren über die Entstehung und den Ablauf der Herz- und Kreislaufkrankheiten nachgedacht und nach den allgemeinen Gesetzen der normalen Herz- und Kreislauffunktionen und ihrer krankhaften Störungen gesucht hat und immer noch sucht. Aber bei einer solchen Deutung Ihrer Art kämen Ihr unermüdliches ärztliches Wirken um "Deutschen Kurheim" und in zwei weiteren Sanatorien von Bad Nauheim ebenso zu kurz wie Ihre ärztliche Arbeit in der täglichen Sprechstunde an herzkranken Arbeitnehmern und Arbeitgebern aus aller Welt. So müßte man Sie mit Spranger als einen Mischtyp der theoretischen und der sozialen Lebensform definieren, und dieser Typus hat ja in der Geschichte der Medizin das Antlitz und Wir kommen also mit unserer Lust am Typisieren schnell zu Ende und in Verlegenheit, und das ist gut so. Ist doch das Typisieren unserer Mitmenschen, wie ich meine, eine der großen Seuchen im mitmenschlichen Denken unserer Zeit, durch das sich oft Menschen nicht finden, die zusammengehören.

So wenden wir uns um so freudiger dem einmalig und einzigartig uns geschenkten Arthur Weber zu und sagen Ihnen zu Ihrem 90. Geburtstag unsere allerherzlichsten Glückwünsche. Die Beschenkten an diesem Tage sind in allererster Linie wir selbst, denn es ist für uns etwas Kostbares und Großes, daß wir heute in Ihnen einem 90jährigen huldigen dürfen, der noch immer die Hand am Pulsschlag der von Ihnen vertretenen Wissenschaft hat und der noch immer das wissenschaftliche Treiben der jüngeren Kardiologen aller Jahrzehnte wachsam, nüchtern, kritisch, aber bei jeder neu auftauchenden Erkenntnis freudig bejahend verfolgt.

Aber wir kommen auch als neugierige Gratulanten. So möchten wir an diesem Tage wenigstens eine Ahnung davon bekommen, welches die tragenden Fundamente Ihres Lebenswerkes und Ihres großen herausragenden Erfolges sind.
Da stoßen wir zuerst auf das fortwirkende Beispiel Ihrer Vorfahren. Ein mütterlicher Urgroßvater und Ihr mütterlicher Großvater waren Ärzte, Ihr Vater, Sohn eines Bauern, war Landarzt. Wiederholt haben Sie des großen Einflusses dieser Männer, vor allem Ihres Vaters, auf Ihre Berufswahl und Ihre Lebenshaltung gedacht. Und noch vor wenigen Wochen haben Sie mir versichert: "Noch heute halte ich mich an die sittlichen Grundsätze, die mein Vater mir übermittelt hat." Sollen wir deshalb Arthur Weber eine zu starke Vaterbindung nachsagen? Oder ist er nicht ein klassisches Beispiel für die unergründliche anregende Wirkung, die von einem geglückten Vater auf einen glücklich veranlagten Sohn ausgehen kann, sogar noch bis zum 90. Lebensjahr?

Dieser Sohn des Landarztes Weber hat freilich das väterliche Erbe erworben, um es zu besitzen. Einer Ihrer unausgesprochenen, aber gelebten Wahlsprüche war offensichtlich die Maxime: In der ärztlichen Haltung dem Vater gleich, in den Methoden über die Väter hinaus! Da lesen wir z.B. im Vorwort der 3. Auflage Ihres klassischen Buches "Die Elektrokardiographie": "Mein Urgroßvater hat nicht Gelegenheit gehabt, auskultieren zu lernen, sein Sohn hat nichts von Antisepsis gewußt. Mein Vater hat nie eine Röntgenuntersuchung vorgenommen. Das sind nur einige Meilensteine aus der Entwicklung des ärztlichen Wissens und Könnens." Vergleichen wir damit Ihr Lebenswerk, vor allem auch die darin zum Tragen kommenden Methoden, so will uns scheinen, daß Sie in Ihrer Lebensspanne mit Siebenmeilenstiefeln von Fortschritt zu Fortschritt vorangekommen sind.

Einen seiner Gründe hatte dies vor allem in der Tatsache, daß Sie während Ihrer Gießener internistischen Lehrjahre unter dem bedeutenden Herzinternisten Moritz im ersten Jahrzehnt unseres Jahrhunderts zugleich einige Jahre Schüler des großen Otto Frank gewesen sind, der damals den Gießener Lehrstuhl der Physiologie innehatte. Unter diesem Meister und Schöpfer wichtigster Methoden der physikalischen Registrierung von Herz- und Kreislaufgrößen haben Sie sich für Ihr ganzes Leben einem Prinzip verschworen, das Sie 1944 Ihrer Monographie "Herzschallregistrierung" als Motto vorangestellt haben: "Messen ist Wissen, Wissen bahnt den Weg zum Können." Das ist ein hochmodernes Wort Im Blick auf die Leistungen der amerikanischen und russischen Weltraumforschung. Mit dieser wissenschaftlichen Grundlage und Maxime haben Sie 1914 das Nauheimer Medizinische Institut übernommen, in dem Sie eine ideale Einheit wissenschaftlichen Forschens un Zu beiden Krankheitsbildern, die auch heute noch schwere, lebensbedrohliche kardiologische Volkskrankheiten ersten Ranges darstellen und neben dem Krebsleiden in der Bundesrepublik Deutschland unter den Todesursachen an erster Stelle stehen, haben Sie in der ganzen Welt anerkannte wissenschaftliche Monographien und Einzelarbeiten veröffentlicht.

Durch Ihr gedrucktes Wort und Ihre Berühmten Nauheimer Kurse für Elektrokardiographie haben Sie mit der Ihnen eigenen Beharrlichkeit auch Entscheidendes dazu beigetragen, in der deutschen Medizin die falsche Meinung früherer Zeiten zu überwinden, die allzu intensive Hingabe an die exakten Naturwissenschaften bringe das Herz des Arztes zum Erkalten. Sie waren in einer Person naturwissenschaftlich registrierender und warmherzig teilnehmender Arzt. So konnten Sie auch die Ärzte mahnen: "Es wäre ein großer Fortschritt, wenn man die unkontrollierbare Behauptung nach meiner Erfahrung' ersetzen könnte durch die kontrollierbare nach meiner Feststellung'."

Wir alle wissen, welchen reichen Anteil Ihre zu Ende des vergangenen Jahres verstorbene Gattin an Ihrem Lebenswerk hatte. Sie hat auch mit Ihnen gemeinsam Ihrer ärztlichen Gesinnung dadurch ein bedeutendes und hochherziges Denkmal gesetzt, daß Sie gemeinsam für die Erforschung der Erkrankungen der Herzschlagadern die Arthur-Weber-Stiftung begründet haben, mit deren Preis jährlich auf der Nauheimer Tagung der Deutschen Gesellschaft für Kreislaufforschung ein führender Forscher auf dem Gebiete der Koronarerkrankungen und des Koronarkreislaufes ausgezeichnet wird.

So hoffen wir, es möge Ihnen an Ihrem 90. Geburtstag eine besondere Freude bedeuten, daß bisherige Preisträger Ihrer Stiftung Ihnen ihre Glückwünsche in der nun folgenden festlichen Akademie in Form eines wissenschaftlichen Vortrages aus ihrem jüngsten Arbeitsbereich darbieten. Wir werden uns dabei am unmittelbarsten bewußt werden, wie aktuell und notwendig die weitere Erforschung der Koronarerkrankungen des Herzens im Dienste der Volksgesundheit ist.

Mögen Sie gemeinsam mit den Preisträgern Ihrer Stiftung, mit Ihren Schülern und mit allen Freunden sich noch manches Jahr der weiteren Erhellung noch ungelöster Probleme der Kardiologie erfreuen.

Franz Büchner, Freiburg/Br.