Bruno Kisch, Leben und Werk
Ein Versuch
(Gedächtnisvorlesung anläßlich
der 61. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Kardiologie,
Herz- und Kreislaufforschung in Mannheim im April 1995)
von Prof. Dr. Wolfgang Schaper & Prof. Dr. Jutta Schaper
Max-Planck-Institut,
Abteilung für Experimentelle Kardiologie,
Bad Nauheim
Es gibt viele Gründe, eine Vorlesung über Kisch zu halten. Ein Grund
ist die Tatsache, daß er der Gründer unserer Gesellschaft war, ein
anderer, daß ihm Unrecht geschehen ist. Es hat zwar nicht an
Wiedergutmachungsbemühungen gefehlt, jedoch können diese nie das
Unrecht aus der Welt schaffen. Daraus ergibt sich die Notwendigkeit zur
Erinnerung. Das soll im Folgenden versucht werden.
Jugend in Prag
Bruno Kisch wurde 1890 in Prag geboren. Sein Vater war ein Gymnasialprofessor
am Deutschen Gymnasium und gleichzeitig der Rabbiner der Meiselsynagoge. Die
Familie Kisch kann ihren Prager Stammbaum bis zum Anfang des 17. Jahrhunderts
zurückverfolgen. Ihr entstammten Ärzte, Apotheker, Beamte und hohe
Militärs. Von mütterlicher Seite her ist Bruno Kisch verwandt
mit dem berühmten Rabbi Löw. Der Schriftsteller und Journalist Egon
Erwin Kisch ist Brunos Vetter. Ein weiterer Vetter wurde oberster Richter am
niederländischen Verfassungsgericht und war unserem
Morawitzpreisträger Frits Meijler noch persönlich bekannt.
In seiner Autobiographie beschreibt Bruno Kisch (6) seine wohlbehütete
Kindheit in Prag, in einem Elternhaus, in dem preußische
Pflichterfüllung, ein Ausdruck den er selbst benutzt, wörtlich
genommen wurde. Das Elternhaus war von den Bildungsidealen des
18. Jahrhunderts geprägt.
Das Studium der Medizin nahm er 18jährig in Prag auf. Der vorklinische
Medizinbetrieb in Prag muß ziemlich enttäuschend gewesen sein,
jedenfalls war der junge Kisch angewidert von der Anatomie und zu Tode
gelangweilt von der Physiologie. Er fand Anschluß im Institut für
Botanik und berichtet in seiner Autobiographie "Wanderungen und Wandlungen" mit
großer Begeisterung über die Pflanzenphysiologen Mohlisch und
Czapek, die ihn förderten und ihn in das wissenschaftliche Arbeiten
einführten.
Noch während der klinischen Semester, die er ähnlich
fürchterlich fand wie die vorklinischen, bekam er ein Stipendium zu einem
Studienaufenthalt am meeresbiologischen Institut in Neapel, welches seine
biologischen Neigungen noch vertiefte ( die an sich schwerverständliche
Vorliebe eines späteren Kardiologen für das Seegetier wurde
übrigens geteilt von einem anderen zu seiner Zeit hochberühmten
Kollegen, nämlich K. F. Wenckebach ). Auch später sollte er
das Institut in Neapel noch oft besuchen.
Auf Empfehlung des Botanikers Czapek bot ihm der Physiologie-Professor Heinrich
Ewald Hering eine Assistentenstelle an. Hering hatte, aus uns heute nicht mehr
zugänglichen Gründen, sein Amt als Prager Universitätsrektor und
Dekan der medizinischen Fakultät aufgegeben, um dem Ruf der Akademie
für ärztliche Fortbildung in Köln zu folgen.
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Nach langem Zögern akzeptierte der erst 23jährige Kisch diese
Stellung in Köln, nicht, weil er sich der Aufgabe etwa nicht gewachsen
fühlte, sondern weil er Professor Hering nicht mochte. Hering war in der
Tat ein wenig liebenswürdiger Mensch, der von seinem Assistenten komplette
Anpassung forderte. Das konnte er von dem geistig schon sehr unabhängigen
jungen Kisch nicht erwarten, und so waren spätere Konflikte
vorprogrammiert.
Kisch beschreibt die geradezu opulente Bezahlung und Unterbringung in Köln,
und er ist taktvoll genug, dies seinen Freunden zu verschweigen. Vermutlich
waren es auch diese großzügigeren finanziellen Verhältnisse in
Deutschland, die Hering bewegt hatten, dem Ruf nach Köln zu folgen. Abbildung
1 zeigt den jungen Kisch in Köln im Jahre 1914.
Mit der Einrichtung des Institutes hatten Hering und Kisch in dem einen kurzen
Jahr vor Beginn des Ersten Weltkriegs alle Hände voll zu tun. Trotzdem
gelang es Kisch, wertvolle Kontakte zu knüpfen und sich der Sympathien des
Kölner Internisten Geheimrat Moritz zu versichern, der ihm in den
Nachkriegsjahren ein wichtiger Mentor werden sollte.
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| Abbildung 1 |
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Erster Weltkrieg
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Der 1. Weltkrieg traf den politisch völlig ungebildeten und
uninteressierten Kisch unvorbereitet, doch war auch er nicht gegen den
hysterischen Freudentaumel des Kriegsausbruchs gefeit. Er meldete sich
freiwillig zur Sanitätstruppe des K&K Heeres, wurde in Ungarn, im
Rußlandfeldzug und am Isonzo eingesetzt und bei Kriegsende hochdekoriert
aus der Armee entlassen (Abb. 2). Sein ererbtes Vermögen
hatte er, der österreichische Patriot, als Kriegsanleihe gezeichnet, es
war also zur Gänze verlorengegangen.
Die Fronturlaube, die erstaunlich lange währten, wurden sehr produktiv
genutzt: Im Kriegssommer 1916 arbeitete er als Gast im bakteriologischen
Institut in Prag an der Fragestellung, ob Bakterien Zucker aus Holz produzieren
können. Nach einer Serie von Fehlern und Mißerfolgen wurde daraus
eine Mitteilung über die Verstoffwechselung von Nitrat bei verschiedenen
Bakterienstämmen. Diese Arbeit reichte er auf dem Postweg aus
Rußland als Habilitationsschrift bei der Kölner Fakultät ein.
Die Venia legendi wurde ihm als Feldpostbrief zugestellt. Er war damals 27
Jahre alt (Auf eine andere Entdeckung ist er nicht minder stolz: wenn er
Soldaten mit Otitis media desinfizierende Lösungen ins Ohr träufelte,
kniffen sie die Augen zu. Damit hatte er einen neuen, später nach ihm
genannten Reflex entdeckt ).
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| Abbildung 2 |
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Sein Chef Hering war nicht begeistert über diese breiten
außerfachlichen Aktivitäten: Er hätte es lieber gesehen, wenn
er sich mehr fürs Herz interessiert hätte.
Nach der Entlassung aus dem Militärdienst ist Kisch plötzlich
Tschechoslovake, denn die K&K-Monarchie gibt es nicht mehr. Der
tschechische Pass war in der ersten Nachkriegszeit von Vorteil, konnte er sich
doch damit vor den Übergriffen der Besatzungsmacht in Köln
schützen, wie er in seinen Lebenserinnerungen schreibt.
Mit großer Bitterkeit vermeldet er dort die katastrophale Aufteilung der
Donaumonarchie. Er beklagt weiterhin die Rolle der tschechischen Nationalisten,
die aus der unsinnigen Grenzziehung und der resultierenden Einschließung
von ethnischen Minderheiten aus der Tschechoslowakei einen
K&K-Vielvölkerstaat en miniature gemacht habe. Eine klare Weltsicht
für einen Unpolitischen.
Die Jahre in Köln
Kischs Karriere nach dem 1. Weltkrieg wurde durch eine politische
Entwicklung entscheidend gefördert: Der Kölner Oberbürgermeister
Konrad Adenauer hatte durchgesetzt, daß die Kölner Akademie für
ärztliche Fortbildung wieder Universitätsrang bekam. Die
altehrwürdige Kölner Universität, 1328 gegründet, war von
Napoleon geschlossen und von den Preußen später zum Ärger der
Kölner in Bonn wiedereröffnet worden. Im Zuge dieser Rehabilitation
mußten die vorklinischen Fächer etabliert und die Professoren
berufen werden. Die Spannungen zwischen Kisch und Hering erreichten zu dieser
Zeit einen Höhepunkt, denn beide reflektierten sie auf das Ordinariat
für Physiologie. Hering war bisher nur Professor für Pathophysiologie
gewesen.
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Kisch hielt nicht viel von Hering, er schreibt in seinen Lebenserinnerungen,
daß Hering seine Karriere nur seinem berühmten Vater verdanke und
selbst ein einfallsloser und trockener autoritärer Pedant gewesen sei.
Während wir heute die menschlichen Eigenschaften Herings nicht mehr
beurteilen können, so müssen wir doch sagen, daß Kischs Urteil
hinsichtlich dessen wissenschaftlicher Bedeutung nicht zutraf: Hering war durch
seine methodische Gründlichkeit und seine Beharrlichkeit ein bedeutender
Wissenschaftler, dem zusammen mit seinem Assistenten Eberhard Koch die
Entdeckung der reflektorischen Selbststeuerung des Kreislaufs durch die
pressorezeptorischen Nerven gelang. Hierfür wurde er zum Nobelpreis
vorgeschlagen, den er aber ungerechterweise nicht bekam. Hering, der einst
Rektor der Universität in Prag war, starb 1948 in einem Dorf in
Mecklenburg, auch er ein deutsches Schicksal. Kisch hatte sicher einen Anteil
an der Entdeckung von Hering und Koch, denn schon im Jahre 1923 beschrieb er in
einer Arbeit zusammen mit seinem japanischen Assistenten Sakai den
Karotisdruckversuch, dessen Folgen für Blutdruck und Herzfrequenz er
jedoch als Ausdruck der Hirnischämie deutete. Kisch hatte also die
wichtigen Stücke in seiner Hand, jedoch wurde das zusammenfügende
Band von Koch und Hering gefunden, eine Tatsache, die von den beteiligten
Personen auch so gesehen wurde: Kisch publizierte das berühmte Buch von
E. Koch in seiner Schriftenreihe, und Kisch war einer der meistzitierten
Autoren in Kochs Werk. Abbildung 3 zeigt Kisch (im Kittel) mit
Hering (Mitte vorn), Harry Schäffer, Breslau (links) und S. Sakai, Nagoya
(rechts).
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| Abbildung 3 |
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Kisch wurde 1925 auf Vorschlag der Fakultät für die Fächer
Physiologische Chemie, Physiologie und Physikalische Chemie im Alter von 34
Jahren zum ordentlichen Professor ernannt. Die Vorlesungen und Prüfungen
in Physiologie und damit die Hörgelder-Pauschale mußte er sich mit
Hering teilen.
Nach seiner Bestallung verließ Kisch das ihm zu eng werdende Gebiet der
Kreislaufreflexe, er untersucht Rhythmusstörungen bei
Koronarverschluß und widmete sich der Fragestellung, ob die
Änderungen der Pulsfrequenz mit dem Gewebskaliumspiegel assoziiert sind.
Kisch fand, daß die Durchströmung des ischämischen Herzens mit
kalten Salzlösungen die Arrhythmieneigung drastisch reduziert. Mit seinen
Experimenten hatte er die Kardioplegie begründet, allerdings weit bevor
die Zeit für deren Anwendung in der Herzchirurgie gekommen war. Weiterhin
fand er das elektrophysiologische Phänomen, das man heute als "overdrive
suppression" kennt, und er verfaßte ein vielbeachtetes Buch über den
"Herzalternans". Er entdeckte aber auch das Phosphokreatin im elektrischen
Organ des Rochens.
Kisch und das Forschungsklima im Jahre 1930
Pflügers Archiv war das von Kisch bevorzugte Journal. Ein Gutachtersystem
gab es beim Archiv nicht. Professor Pflüger meinte, daß sich in
seinem Journal jeder so gut blamieren könne, wie er wolle. Das fehlt heute
vielleicht, wenn man bedenkt, welche Macht anonyme Gutachter ausüben, die
gelegentlich wie Zensoren fungieren.
Auch der Publikationsstil war damals wesentlich anders: Aus der Lektüre
des Buches "Die reflektorische Selbststeuerung des Kreislaufs" von Eberhard
Koch geht für einen heutigen Leser nicht daraus hervor, daß
dies seine eigene Entdeckung war. Denn seine Zitiergewissenhaftigkeit ist so
groß, daß seine eigene Leistung fast in den Hintergund tritt ( Dies
bestätigt eine These des Wissenschaftstheoretikers Kuhn wonach viele
Entdeckungen posthum und im Zuge einer unzulässigen Vereinfachung Individuen
zugesprochen werden, obwohl es sich um die Leistung Vieler handelte) .
Etwa mit dem Jahre 1930 (Erfindung des elektronischen Verstärkers und der
Kathodenstrahlröhre) ging eine nahezu 50 Jahre lange Ära zu
Ende, in der die Physiologen ihre Experimentierkunst auf fast gleichbleibendem
technologischen Stand vervollkommnen konnten. Seit der Entwicklung der Narkose
durch Morton und Snow und der Registriertechnik durch Marey gab es für
alle Experimentatoren fast gleichbleibende Bedingungen. Es war nicht wie heute,
wo viele neue Einsichten auf technologischem Vorsprung beruhen; vielmehr waren
es reine Intelligenz und Experimentierkunst, die zu wichtigen Entdeckungen
führten.
Die einzige wirklich wichtige technische Entwicklung in dieser Zeit war die
Erfindung des EKGs, die Kisch auch benutzte und in seinem Buch über den
Herzalternans niederlegte. Für eine Theorie des EKGs war die Zeit jedoch
noch nicht reif, dies blieb Hans Schäfer, dem Geschäftsführer
unserer Gesellschaft nach dem Kriege, vorbehalten (Diese Periode technologischen
Gleichstands ging mit der Verfügbarkeit elektronischer Verstärker zu
Ende, mit welchen man die Nervenfaserpotentiale der Pressorezeptoren synchron
mit der Blutdruckkurve aufzeichnen konnte. Hierdurch konnte die Selbststeuerung
des Kreislaufs eindrucksvoll bewiesen werden) .
Während Kisch in seiner Frühphase noch keinen technologischen
Vorsprung ausnutzen konnte, ist sein Spätwerk jedoch einer technologischen
Fortentwicklung, der Elektronenmikroskopie, zu verdanken, die damals nur ganz
wenigen zur Verfügung stand.
Kisch und die DGHKF
Kisch hatte 1927 das Gefühl, daß die Kreislaufforscher in
Deutschland Einzelkämpfer sind, denen ein Zusammenschluß
guttäte. Er sondierte mit ausführlicher Korrespondenz die Lage und
stieß meist auf vorsichtige Zustimmung - unter anderem auch auf die von
Wenckebach - jedoch weniger auf Angebote tätiger Mithilfe. Die
jüngeren Oberärzte hatte er auf seiner Seite, jedoch nicht deren
Chefs, die eine Abspaltung von der Inneren Medizin befürchteten. Die
Gründung der Deutschen Gesellschaft für Herz- und Kreislaufforschung
geschah dann sozusagen im Handstreich mit Arthur Weber als Komplizen: Weber
leitete schon seit Jahren in Bad Nauheim einen EKG-Kurs, der berühmt und
beliebt war, aber nicht von allen Nauheimer Badeärzten unterstützt
wurde und deshalb auf eine breitere Basis gestellt werden mußte. Am Ende
eines solchen Fortbildungskurses erläuterte Kisch die Notwendigkeit einer
nationalen Kreislaufgesellschaft, er nahm den Applaus der Teilnehmer als
Zustimmung, und er und Professor Weber erklärten die Deutsche Gesellschaft
für Kreislaufforschung für gegründet.
Statuten waren bald erstellt, und der erste Kongreß der neuen
Gesellschaft unter der Leitung von Professor Hering wurde für 1928 nach
Köln einberufen. Der erste Vorstand der Gesellschaft bestand aus Kisch,
Köln, Weber, Bad Nauheim, Eppinger, Freiburg, und Rihl, Prag.
Wie noch heute fand der Kongreß in der Woche nach Ostern statt, scharf
beäugt von den "Wiesbadener" Internisten. Die Akzeptanz der Gesellschaft
und ihres Kongresses war sehr groß. Kisch meint in seinen
Lebenserinnerungen, daß der Kongreß, der 1929 unter Arthur Weber
erstmalig in Bad Nauheim stattfand, ab 1931 ein Selbstläufer gewesen sei.
Schwierige Jahre (1933-1938)
Während Groedel Anfang der 30er Jahre die Zeichen der Zeit erkannt hatte
und 1934 in die USA emigrierte, blieb Kisch in Köln, aus sozialem
Engagement, wie er in seinen Lebenserinnerungen schreibt. Ein Angebot, in
Saratoga Springs im Staate New York zusammen mit Groedel ein zweites Bad
Nauheim aufzubauen, wofür bereits ein Mäzen gefunden worden war,
scheiterte am Einspruch des Gouverneurs von New York.
1934 wurde Kisch die Venia legendi entzogen, worauf er mit Hilfe seines
väterlichen Freundes, Geheimrat Moritz, eine kardiologische Praxis in
Köln gründete. Auf dem Praxisschild stand die Bemerkung "Behandele
nur Herz-Kreislaufkrankheiten". Die Praxis florierte, doch als 1937 allen
jüdischen Ärzten Ordinationsverbot auferlegt wurde, war auch für
Kisch die Zeit gekommen, sich um ein Visum für die USA zu kümmern.
Mit Hilfe Groedels und seines bereits in den USA lebenden Bruders gelang ihm
buchstäblich in letzter Sekunde die Anforderung und Berufung durch eine
amerikanische Universität. Dies war notwendig für die Erteilung eines
Non-quota-Visums, denn die Quote für deutsche Einwanderer war längst
ausgeschöpft. Das Visum trug das Datum der Kristallnacht, ein Progrom, dem
er und seine Familie wie durch ein Wunder entgingen. Ebenfalls wie durch ein
Wunder durfte er seine wertvollen Sammlungen, seine umfangreiche Bibliothek und
seine Möbel mitnehmen. Seine zurückbleibende Schwester und seine
80jährige Schwiegermutter werden nur Tage später verhaftet und in
einem Konzentrationslager umgebracht.
Eine gute und wichtige Rolle spielte in dieser Zeit Kischs Freund
Dr. Joseph Eitel, dessen Einfluß auch für die
Rückkehr und Aussöhnung Kisch's mit Deutschland mitbestimmend war.
Dr. Eitel war der erste klinische Chef unseres Kollegen Paul Heintzen, dem wir
diese Notiz verdanken.
Kisch, die Neue Welt und das American College of Cardiology
Die Eingewöhnung in die Neue Welt fiel der Familie Kisch ausgesprochen
schwer. Sämtliche medizinischen Staatsexamenfächer mußten
nachgemacht werden. Ein ganzes Jahr dauerte es, bis der nun fast 50jährige
Kisch alle seine Examina bestanden hatte, wozu er zwei Anläufe brauchte.
Er lebt in dieser Zeit mehr schlecht als recht von einem Stipendium, welches
ihm Groedel vermittelt hat, dessen Forschungszweck er auch kaum ausfüllen
konnte, weil er praktisch keine Experimentiermöglichkeiten hatte. Wieder
eröffnet er aus Not und nicht aus Neigung eine Praxis, wobei ihm Groedel
half. Die Praxis florierte, besonders in den Kriegsjahren. Trotzdem gab er
seine Forschungsbemühungen und seine Lehrverpflichtungen an der
Yeshiva-University nicht auf. Durch Zufall bekam er Zugang zu einem
Elektronenmikroskop, von dessen Möglichkeiten er sofort fasziniert war.
Hiermit gelangen ihm wichtige Entdeckungen, und er konnte nach fast
20jähriger Pause wieder publizieren.
Kisch äußert sich in seinen Lebenserinnerungen mit großer
Bitterkeit über die zahllosen Schikanen, denen er und viele andere
Emigranten in den USA ausgesetzt waren. Er beklagt sich besonders über die
Fremdenfeindlichkeit der New Yorker, über die entwürdigenden
Schwierigkeiten bei der Beschaffung von Forschungsgeldern und die Frustrationen
bei der regelmäßig erfolgenden Ablehnung von Manuskripten bei den
amerikanischen Journalen. Er beklagt, daß man als Emigrant nicht in die
inneren Zirkel der Wissenschaftsorganisationen wie z. B. der American Heart
Association vorgelassen wurde. So war es kein Wunder, daß sich die
Emigranten zusammenschlossen und ihre eigenen Zeitschriften verlegten. Das
American College of Cardiology war eine solche Emigrantenorganisation.
Daß der "de facto" Ausschluß der Immigranten von den inneren
Zirkeln der AHA mit zu dessen Gründung führte, blieb formell lange
unausgesprochen.
Kisch war zwei Jahre lang der Präsident des ACC. Er sprang als
Stellvertreter Groedels nach dessen plötzlichen Unfalltod ein, und er
kandidierte für eine weitere Wahlperiode. Er verfaßte die erste
Satzung des ACC, die in ihrer Urfassung praktisch identisch war mit derjenigen
der DGHKF. Später wurde der europäische Einfluß des Colleges
abgeschwächt, zum Teil auch, weil der Anlaß, der zur Gründung
geführt hatte, nicht mehr bestand. Kisch fand es jedoch bedauerlich,
daß man noch zu seinen Lebzeiten die Groedel-Gedächtnisvorlesung und
auch die Groedel-Medaille abschaffte.
Dies wirft ein Schlaglicht auf die vielfältigen Probleme der Emigranten,
die leider mit dem Verlassen Deutschlands nicht aufhörten.
Versöhnung mit Deutschland
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1952 lud unsere Gesellschaft Bruno Kisch anläßlich ihrer
Jahrestagung in Bad Nauheim zu einem Hauptreferat ein und machte ihn zum
Ehrenmitglied. Er konnte sich persönlich davon überzeugen, daß
nun ein anderer Geist in Deutschland herrschte. Auch die Stadt Köln
bemühte sich um ihn, und es kam zu einer Aussöhnung. Spang hatte
Kisch 1954 in New York besucht, und er berichtete mir von interessanten und
freundlichen Gesprächen. Der Antrag Spangs, Bruno Kisch die Carl
Ludwig-Ehrenmünze zu verleihen, die er selbst 1928 gestiftet hatte, wurde
leider vom Vorstand abgelehnt.
Ab 1960 war Kisch dann fast jedes Jahr in Bad Nauheim zu Besuch, auch zu
Kuraufenthalten. Abbildung 4 zeigt Kisch mit seiner Frau in
Bad Nauheim. Das Foto wurde anläßlich Kischs 75. Geburtstag im
Jahre 1965 aufgenommen. Im Frühjahr 1966 fühlte er sich krank und
glaubte, nur in Bad Nauheim Genesung finden zu können. Im Nauheimer
Groedel-Sanatorium, das vom Kollegen Herbert Mahr geleitet wurde, starb er an
den Folgen einer verschleppten Pneumonie. Seine letzte Ruhestätte fand er
in Jerusalem.
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| Abbildung 4 |
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Bruno Kisch und seine Rolle für die Ultrastrukturforschung am Herzen
Kisch war ein an vielen Dingen interessierter Mann, immer aufgeschlossen
für neue Erkenntnisse und technische Entwicklungen und, wie in seiner
Würdigung durch das American College of Cardiology zu lesen ist, "a man of
unlimited curiosity". Was zu diesen Eigenschaften noch dazu kommt, war seine
Einstellung der Arbeit gegenüber, die er in seiner Rede von 1928 zur
Eröffnung der 1. Tagung der von ihm gegründeten Deutschen
Gesellschaft für Kreislaufforschung formuliert. Nach einigen Bemerkungen
darüber, daß man sich heute stark spezialisieren muß, und
daß die Wissenschaftler von früher ein ausgedehnteres Wissen
besaßen, fährt er fort:
"Es muß aber vor allem zugegeben werden, daß die Intensität
ernster geistiger Beschäftigung in vergangenen Zeiten betonter und
lebenserfüllender war als in unserer ablenkungsreichen heutigen Zeit. Die
Entwicklung unseres Wissens (er meint wohl die unzureichende Entwicklung, J.S.)
verpflichtet uns nur zu eindringlicherer Hingabe. Ein jeder Mensch leistet um
so mehr, je höhere Anforderungen an ihn gestellt werden. Nur wer
rücksichtslos die allerhöchsten Anforderungen an sich selbst stellt,
kann hoffen, der Grenze der Leistungsmöglichkeit nahe zu kommen, die
für sein Zeitalter die äußerst erreichbare ist".
Diese Einstellung hat er wohl Zeit seines Lebens beibehalten, und sie
ermöglichte es ihm auch, im Alter von 60 Jahren noch einmal etwas ganz
Neues anzufangen, nämlich sich mit der gerade aufkommenden
Elektronenmikroskopie zu beschäftigen. Er verstand es, dem American
College of Cardiology klar zu machen, wie wichtig dieses neue Instrument
für die Forschung in der Zukunft sein würde, und er bekam von dieser
Institution ein Gerät zur Verfügung gestellt. Philip Reichert
formuliert das in seinem Nachruf auf Kisch folgendermaßen:
"His scholarly work on the microscopic structure of cardiac musculature is in
the literature; he set up that laboratory under the auspices of the College, a
severe financial drain during our beginning, but dictated by our faith in his
advice" (7).
Bruno Kisch war so begeistert von den Möglichkeiten dieser neuen
histologischen Technik, daß er den technischen Assistenten Jakob Adler,
den er auch oft in seinen Arbeiten anerkennt, aus seiner eigenen Tasche
bezahlte. Es ist interessant zu überlegen, daß das Mikroskop und der
Arbeitsplatz von Adler sich in einem kleinen Krankenhaus, dem City Hospital in
Elmhurst, befanden, und daß ein niedergelassener Kardiologe dort mehrere
Male in der Woche hinging, um eine neue Welt zu entdecken. Denn so muß es
ihm vorgekommen sein, als er zum ersten Mal die Ultrastruktur des Herzmuskels
betrachtete und erkannte, daß die von Cohnheim und anderen beschriebenen
kleinen Körnchen in den Herzmuskelfasern Mitochondrien sind. Er nannte
diese Strukturen Sarkosomen und erkannte 1952, daß sie die
Stoffwechselzentrale des Muskels sind.
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Zu Beginn der fünfziger Jahre hatte man noch mit enormen präparativen
Schwierigkeiten in der Elektronenmikroskopie zu kämpfen: Der
Glutaraldehyd, unser heute gängiges Fixierungsmittel, war noch nicht
bekannt, und man fixierte in Formalin oder in Osmiumoxyd, einer sehr giftigen
Schwermetallösung. Man hatte auch noch keine sehr guten Kunststoffe, um
das Gewebe einzubetten und anschließend ultradünn schneiden zu
können. Paraffin, das allseitig benutzte Einbettungsmedium der Histologie,
war viel zu weich, um es dünner als Tausendstel von Millimetern schneiden
zu können. Auch die bis dahin üblichen Mikrotome zur Anfertigung von
Schnitten waren unbrauchbar, ganz geschickte Techniker schnitten von Hand
1000 Å dünne Schnitte mit Rasierklingen, und erst später
entwickelte man ein spezielles Ultramikrotom, nach seinen Erfindern
Porter-Blum-Sorvall-Mikrotom genannt. Die Elektronenmikroskope dieser Zeit
waren nur mit großen Schwierigkeiten zu justieren, die
elektromagnetischen Linsen waren nicht stabil. Von Alex Novikoff, dem
Entdecker des Golgi Komplexes und des Zusammenhanges zwischen diesem und den
Lysosomen und dem endoplasmatischen Retikulum (von ihm in Zusammenziehung der
Anfangsbuchstaben und immer mit Anspielungen GERL genannt) , ging z.B.
die Sage, daß er nachts neben seinem endlich gut justierten Mikroskop
schlief, um nur ja Bilder mit einer optimalen Auflösung zu bekommen, und
sicherlich auch um zu verhindern, daß das Mikroskop von anderen benutzt
wurde.
Das alles hat Bruno Kisch nicht abgeschreckt, und er arbeitete von 1950 an bis
zu seinem Tode im Jahr 1966 mit unverdrossener Neugierde und Eifer mit diesem
Instrument. Wir erwähnten schon, daß er in seiner 1952 in
Pflügers Archiv (2) erschienenen Arbeit die Mitochondrien im Herzmuskel
zum ersten Mal beschrieb, nachdem vorher Sjöstrand und Rhodin diese
Strukturen in anderen Geweben entdeckt hatten. Abbildung 5 zeigt
eine Reproduktion einer Abbildung aus dieser Arbeit, auf der man erkennt, wie
sich die Mitochondrien von den Myofilamenten abheben, man sieht aber auch die
aus heutiger Sicht völlig unzureichende technische Qualität der
Präparation, besonders die Dicke des Schnittes, die keine gute
Auflösung zuläßt. In dieser ersten Arbeit (2) zeigt er auch
eine schematische Darstellung des Aufbaus einer Herzmuskelfaser, und diese
Konzeption kommt unseren heutigen Erkenntnissen schon sehr nahe (Abb. 6).
Allerdings hat man lange Zeit nicht erkannt, daß die Herzmuskelfasern aus
einzelnen Zellen bestehen, da die Struktur durch die Existenz eines Synzytiums
schwer aufzuklären war. Dieses Verdienst kommt Sjöstrand zu, der die
Kardiomyozyten als Einzelzellen 1958 beschrieb. Heutzutage, da wir einzelne
Myozyten aus dem Herzen isolieren können, kommt es uns so vor, als ob wir
das immer schon gewußt hätten, jedoch ist diese Erkenntnis noch
keine 40 Jahre alt.
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| Abbildung 5 |
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| Abbildung 6 |
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Kisch beschreibt andererseits aber auch Verbindungen zwischen den einzelnen
Myofibrillen, und das sind Strukturen, die wir erst heute mit monoklonalen
Antikörpern, besonders für Desmin, genau nachweisen können.
Kischs unermüdlicher Eifer am Elektronenmikroskop brachte außer der
Erkenntnis der Sarkosomen, später Mitochondrien genannt, auch die
Beschreibung der für den Vorhof spezifischen elektronendichten Granula (Abb.
7). Er war der erste, der diese Granula beschrieb, von denen wir
heute wissen, daß sie ein wichtiger Bestandteil des endokrinen Herzens
darstellen (4). Im Jahre 1964 erschien die heute immer zitierte Arbeit von
Jamieson und Palade (1), die die gleichen Granula beschreiben. In dieser Arbeit
werden zwei von Kischs Publikationen zitiert, aber nur sehr summarisch und ohne
ihm die Ehre des Erstentdeckers einzuräumen.
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| Abbildung 7 |
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Kisch hat wohl immer das Denken eines Physiologen bei seinen Arbeiten
beibehalten, auch wenn seine Haupttätigkeit später klinisch war, und
so interessierte er sich auch für vergleichende Betrachtungen. Er hatte
schon als junger Mann in Neapel physiologische Untersuchungen an Fischen
durchgeführt, und diese setzte er nun zusammen mit seinem
wissenschaftlichen Freund Delbert E. Philpott im Sommer in den Labors von
Woodshole in der Nähe von Boston fort. Das Resultat dieser Arbeiten sind
Publikationen über die Struktur des Herzens von Fischen und Fröschen.
Er stellt fest, daß der "pipefish", der nur einige Gramm wiegt, und der
Torpedo nobilianus von 90 lb beide sehr schmale Herzmuskelzellen mit einer
Breite von 15 um haben, d.h. daß die Struktur des Herzmuskels
unabhängig von der Größe eines Organismus ist, ein Resultat,
das wir aus eigenen Untersuchungen an anderen Species bestätigen
können..
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1965, in einer Arbeit über "The perinuclear space in ventricle and atrium
in coldblooded animals" (5), stellt er fest, daß verschiedene Fischarten
und Frösche keine spezifischen Granula in den Vorhöfen aufweisen,
daß aber der "dogfish", eine kleiner Hai, Granula besitzt. Er fand auch
bei Fröschen nach dem Winterschlaf "microbodies", d.h. spezifische Granula
im Atrium und glaubte, daß diese entweder Zymogen enthalten, da sie den
zymogenhaltigen Grana im Pankreas ähnlich sind, oder daß sie
vielleicht Katecholamine enthalten. Letztere Vermutung kommt unserem heutigen
Wissen, daß diese Granula natriuretischen Hormon enthalten, schon sehr
nahe. zeigt eine elektronenmikroskopische Aufnahme des Herzmuskels von Fischen,
die von Kisch stammt (Abb. 8).
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| Abbildung 8 |
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In seiner 1960 erschienenen Monographien (3) schildert er die Ultrastruktur des
Flugmuskels der Fliege, der Wespe, Honigbiene, Hornisse und Fledermaus, aber
auch die myokardiale Ultrastruktur von Kuh und Mensch, ganz zu schweigen von
den üblichen Labortieren. - Wirklich ein Mann von unbegrenzter Neugierde.
Der Vollständigkeit halber sollten wir noch erwähnen, daß Kisch
sich auch mit der Ultrastruktur von Kapillaren, besonders der Lunge,
beschäftigt hat, jedoch sind seine Arbeiten auf diesem Gebiet nicht so
bedeutend wie diejenigen über die kardiale Ultrastruktur. Er beschrieb
auch die Granula in den Thrombozyten, und er erkannte, daß diese
gerinnungsfördernde Enzyme enthalten.
In einigen Aspekten seiner Arbeit, muß man sagen, hat Kisch nicht Recht
gehabt, z. B. bei der Beschreibung des endoplasmatischen Retikulums und des
T-Systems, aber das ist vielen Forschern der damaligen Zeit so gegangen. Man
kann jedoch zusammenfassend sagen, daß er die Erforschung der
Ultrastruktur des Herzmuskels sehr weit voran getrieben hat und daß ihm
die Entdeckung der Mitochondrien und der spezifischen Granula in den
Vorhöfen zu verdanken ist.
Bruno Kisch hat die meisten seiner zahlreichen Arbeiten aus den letzen 15
Jahren seines Lebens in "Experimental Medicine and Surgery"
veröffentlicht, einer von ihm selbst gegründeten Zeitschrift. Er
hatte kein großes Institut hinter sich, wie Palade mit dem Institute
ofAnatomy an der Harvard University, es fehlte ihm also auch das Prestige, das
eine solche Institution ihren Mitarbeitern automatisch verleiht; sein Englisch
war außerdem sehr deutsch gefärbt und viele Ausdrücke waren
direkt aus der deutschen histologischen Terminologie übernommen.
In der bereits zitierten Arbeit von 1952 gibt er seine Privatadresse in New
York an. Der Gedanke liegt also nahe, daß Kisch ein Außenseiter
war. Um diese Frage zu klären, haben wir verschiedene wissenschaftliche
Freunde aus den USA, die seit vielen Jahrzehnten mit der Elektronenmikroskopie
arbeiten, nach ihrer Meinung über Kischs Werk gefragt. Bei allen kam
übereinstimmend heraus, daß Bruno Kisch damals, ungefähr 1960,
für seine ultrastrukturellen Arbeiten, aber auch für seine Arbeiten
über das Reizleitungssystem des Herzens, bekannt war.
T. James, führender Forscher auf dem Gebiet der Klinik und Pathologie
des Reizleitungssystems des Herzens aus Galveston, Texas, sagte zu mir: "I can
tell you immediately and off the top of my head his deathless comment: the
sinus node is the essence of life". James meinte, daß Kisch für
seine Weitsicht, das Elektronenmikroskop zu benutzen und für die
Interpretation seiner Resultate sehr anerkannt worden ist, jedoch durch das
Fehlen von ausgefeilten Techniken und von gutem technischem Personal behindert
wurde. Er machte ja schließlich zusammen mit Adler alles allein!
Sommer, einer der bedeutendsten Zellbiologen und Spezialisten auf dem Gebiet
der zellulären Reizübertragung unserer Zeit, und Jennings, der als
Pathologe grundlegende Erkenntnisse über die Ischämie des Herzmuskels
gewonnen hat, beide von der Duke University in North Carolina, kamen zu
ungefähr demselben Urteil. Alle diese heute noch tätigen
Wissenschaftler betonten die Weitsicht von Kisch, seine Dynamik und seine
gründliche wissenschaftliche Analyse der gewonnenen Resultate.
Versuch einer Summa
Wenn wir eine zusammenfassende Laudatio über Kischs Leben und Wirken geben
müßten, dann würden wir ihn so einschätzen:
Er war ein superintelligenter Mensch mit umfassender Bildung, der mit seiner
Wissenschaft oft seiner Zeit weit voraus war. Er hatte die Neigung, ein Problem
in seiner ganzen biologischen Breite zu sehen und zu studieren, insbesondere
dann, wenn die technischen Mittel seiner Zeit eine direkte Lösung nicht
zuließen. Er wich dann aus auf die physiologische Chemie, die
vergleichende Anatomie, die Entwicklungsgeschichte und die Ultrastruktur, und
er machte dort wichtige Entdeckungen. Dadurch wurde Kisch vermutlich zum ersten
interdisziplinär arbeitenden Physiologen, der erkannt hatte, daß die
Grenzen der biophysikalischen Betrachtungsweise in der Physiologie erreicht
waren und daß neue Impulse aus anderen Richtungen kommen mußten.
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Wie es so häufig
bei höchst intelligenten Menschen der Fall ist, werden
sie von ihrem Fachgebiet intellektuell nicht ganz ausgefüllt,
insbesondere dann nicht, wenn sie keine starken Gegner haben.
Kisch beschäftigte sich daher noch mit Philosophie, mit
Kunst, Literatur und Numismatik, sammelte alte wissenschaftliche
Instrumente, bibliophile Erstausgaben, Porzellan, und Schnupftabaksdosen,
schrieb Gedichte und Romane. Er war also das ganze Gegenteil
eines Fachidioten. Er war ein "vollständiger" Mensch,
ein Renaissance-Mensch, wie ihn seine amerikanischen Freunde
nannten, dessen Biographie die Frage stellt, wie man es denn
selbst so hält mit der richtigen Mischung aus beruflichen
und ästhetischen Neigungen.
Bruno Kischs Rolle
in der Ultrastrukturforschung des Herzens möchten wir
aus unserer Sicht wie folgt zusammenfassen:
Objektiv gesehen
hat Bruno Kisch die Anwendung der Elektronenmikroskopie in
der medizinischen Wissenschaft vorangetrieben und durch die
Entdeckung der Mitochondrien und spezifischen Granula im Vorhofmyokard
einen erheblichen Beitrag zur Erforschung der Ultrastruktur
des Herzens geleistet. Außerdem hat ihm die Beschäftigung
mit diesem neuen Forschungsinstrument eine enorme geistige
Anregung, Befriedigung und Anerkennung verschafft, so daß
er spät in seinem Leben trotz seines durch die Nazis
gewaltsam veränderten Lebensweges noch ein großes
Glück in der Wissenschaft gefunden hat. Zum Schluß
möchten wir ein Bild zeigen, das Kisch am Elektronenmikroskop
zeigt (Abb. 9). Er lächelt und scheint
mit diesem Instrument und den daraus resultierenden Ergebnissen
durchaus zufrieden zu sein.
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| Abbildung
9 |
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Addendum: Die Autoren
möchten sich besonders für die liebenswürdige Unterstützung
in den Recherchen über Bruno Kisch bei Herrn Dr. Herbert Mahr,
Bad Nauheim, bedanken. Dr. Mahr war der behandelnde Arzt Kischs,
wenn dieser in Bad Nauheim war, und er war uns ein guter Freund.
Dr. Mahr verstarb im Januar 1995, wir werden ihm ein ehrendes Andenken
bewahren.
Literatur
-
Jamieson JD, Palade
GE (1964) Specific granules in atrial muscle cells. J Cell Biol
23: 151-172
-
Kisch B (1952) Die
Rolle der Sarkosome im Herzmuskel. Pflüger's Arch 255: 130-133
-
Kisch B (1960) Electron
Microscopy of the Cardiovascular System. Charles C. Thomas, Springfield,
Ill
-
Kisch B (1963) Der
perinukleäre Raum der Herzmuskelfasern. Ein kurzer Bericht.
Z Kreislaufforsch. 53: 205-211
-
Kisch B (1965) The
perinuclear space in the atrium of coldblooded animals. Exp Med
Surg 23: 243-247
-
Kisch B (1966) Wanderungen
und Wandlungen. Greven Verlag, Köln
-
Reichert P (1966)
Bruno Z. Kisch 1890-1966 - A Tribute. Am J Cardiol 18: 967
Adresse der Autoren:
Prof. Dr. Wolfgang S c h a p e r
Prof. Dr. Jutta S c h a p e r
Max-Planck-Institut
Abteilung für Experimentelle Kardiologie
Benekestraße 2
D-61231 Bad Nauheim
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