Franz Maximilian Groedel
Ein deutsches Schicksal von internationaler
kardiologischer Bedeutung
(Gedächtnisvorlesung anläßlich der 54. Jahrestagung der
Deutschen Gesellschaft für Herz- und Kreislaufforschung in Mannheim im
April 1988)
von
Prof. Dr. Martin Schlepper
Kerckhoff-Klinik der Max-Planck-Gesellschaft,
Bad Nauheim
Franz Maximilian Groedel vorzustellen heißt, das Augenmerk auf einen
Wissenschaftler, einen Arzt und einen Menschen zu richten, der in
Deutschland in Vergessenheit zu geraten droht. Er, der seit dem "Husarenritt"
B. Kischs am 3.6. 1927 und der ersten Tagung und eigentlichen Gründung der
jetzigen deutschen Gesellschaft für Herz- und Kreislaufforschung vor 60
Jahren im Jahre 1928 eng mit ihr verbunden war und seit 1931 dem Vorstand
angehörte (5), hat wissenschaftliche Verdienste, die zum Fundament
gehören, auf dem wir heute bauen. Er hat neue Wege der
Wissenschaftsorganisation beschnitten, die heute noch begangen werden, und hat
letztlich ein Verhalten als Arzt und Mensch gezeigt, das uns Bewunderung
abverlangt.
Groedel wurde am 23.5.1881 in Bad Nauheim geboren. Er studierte Medizin in
München, Gießen und Leipzig, wo er 1904 mit einer Arbeit über
Pneumokokken-Endokarditis promovierte. Bestimmend für seinen beruflichen
Lebensweg waren Assistentenjahre bei von Müller, Barth und vor allem bei
dem Röntgenologen Rieder. 1909 übernahm er die Leitung der
Röntgenabtellung des Hospitals zum Heiligen Geist in Frankfurt und
habilitierte sich als Externer an der Frankfurter Universität am
22.7.1919. Zum apl. Professor wurde er am 23.12.1925 ernannt.
Ab 1921 übernahm er neben seiner Tätigkeit in Frankfurt auch die
Leitung der Privatklinik in Bad Nauheim. Ab 1927/1928 plante er mit seinem
Patienten und Freund W.G. Kerckhoff, einem reichen Deutsch-Amerikaner, den Bau
zunächst einer Akademie und später eines Institutes, das in
Erfüllung des Stifterwunsches nach dem Tode von Kerckhoff von seiner Frau
Louise E. Kerckhoff finanziert und in den Jahren 1929 bis 1931 fertiggestellt
wurde. Bei der Einweihung des KerckhoffInstitutes am 17.10.1931 wurde Groedel
auf Lebenszeit zum Direktor bestellt. 1933 wurde ihm jedoch mit der
Begründung, er sei "Nichtarier", die Venia legende aberkannt, und er
mußte Deutschland verlassen. In seiner neuen Heimat New York wurde er
aktiv in der New Yorker Rudolph-Virchow-Gesellschaft und in der New York
Cardiological Society, aus der heraus er 1949 mit wenigen Freunden, aber
zusammen mit Bruno Kisch, einem weiteren Gründungsmitglied unserer
Gesellschaft, das American College of Cardiology ins Leben rief und sein erster
Präsident wurde. Groedel starb am 12.10.1951 mitten in den Vorbereitungen
zur 1. Jahrestagung des College durch Unfall in New York. Seine Urne ist in Bad
Nauheim beigesetzt.
Diese mageren bibliographischen Daten des Lebens von Franz Maximilian Groedel
gilt es auszufüllen, um seine Universalität in Wissenschaft und
Wissenschaftsorganisation, als Arzt und als Mensch aufzuzeigen, seine
internationale Bedeutung hervorzuheben und die Tragödie seines Lebens, die
Teil einer deutschen Tragödie ist, bewußt zu machen.
1. Franz M. Groedel als Wissenschaftler
Von denen, die über ihn berichtet haben, wird mitgeteilt, daß der
junge Franz Groedel sich außerordentlich für Naturwissenschaften
interessierte und über eine vorzügliche physikalisch-technisehe
Begabung verfügte (8). Sicher durch seine Ausbildung bei Rieder seit 1904
war er von der sich gerade im klinischen Bereich etablierenden
Röntgenologie fasziniert. Diese Faszination zusammen mit der Erziehung
durch den vorwiegend kardiologisch tätigen Vater, Geheimrat Prof. Isidor
Groedel, der noch vor Kussmaul und Naunyn die Dauer-Digitalistherapie bei
Herzkranken vertrat, und den älteren Bruder Theo Groedel, der im 1.
Weltkrieg fiel, war er an der Röntgenologie als
kardiologisch-diagnostisches Werkzeug interessiert. Bereits 1906 und 1907
publizierte der 26jährige methodische Arbeiten über die
Orthodiagraphie (Bibliographie 4, 5, 14), die es am ehesten gestattete, die
Größenverhältnisse des Herzens korrekt wiederzugeben. Die
Verbesserung der Technik diente, wie die nächsten Arbeiten, z. T. zusammen
mit seinem Bruder Theo, zeigten, nun aber bereits klinischen Fragestellungen,
nämlich der Festlegung der Herzgröße und der Topographie des
normalen und erkrankten Herzens (Bibliographie 12, 20, 47, 54, 55, 56, 64).
Verfolgt man die Bibliographie Groedels, so wird klar, daß ihn diese
Fragestellung immer beschäftigt hat. Er suchte nach objektiven Parametern
für Diagnose und Therapiekontrolle, und schon früh muß ihm der
Gedanke gekommen sein, daß nur das Spektrum vieler solcher Parameter in
der synoptischen Zuordnung zum klinischen Befund der richtige Weg zur Diagnose
und die richtige Grundalge einer Therapiekontrolle sei. Diese frühe
Erkenntnis trug Früchte bei seinen wissenschaftsorganisatorisehen
Plänen, als er z.B. als erster am KerckhoffInstitut eine
medizinisch-statistische Abteilung einrichtete (s. unten), die mit niemand
Geringerem als S. Koller besetzt wurde.
1909 erschien eine Arbeit der beiden Brüder über "Die Beeinflussung
der Herzdilatation durch CO2-haltige Bäder" (Bibliographie 33), in der die
neue Methodik erstmals dem Nachweis diente, daß trotz des erhöhten
hydrostatischen Druckes die durch CO2 hervorgerufene Vasodilatation über
die Akutwirkung hinaus die pathologisch vergrößerte Herzform zu
verkleinern imstande war:
Ein sehr frühes Beispiel für den therapeutischen Einsatz von Vor- und
Nachlastsenkung. 1909 übernahm Groedel die Röntgenabteilung des
Heilig-Geist-Hospitals in Frankfurt, aber bis dahin hatte sich der
28jährige mit vielen methodischen und diagnostischen Arbeiten und solchen
zur Therapiekontrolle auf allen Gebieten der Röntgenologie hervorgetan.
1908 war die erste Monographie "Die Ortho-Röntgenographie" (Bibliographie
26) aus seiner Feder erschienen.
Die ersten Arbeiten, die z.T. "nur" Fallbeschreibungen waren, zeugen von hoher
Beobachtungsgabe, von profunder Literaturkenntnis, von kritischem Geist und von
dem Bemühen, messend zu vergleichen. Sie müssen national und
international zur Kenntnis genommen worden sein, denn wie sonst wäre es
einem 28jährigen nicht habilitierten Dr. Groedel aus Bad Nauheim
möglich gewesen, 1909 bereits den ersten "Atlas und Grundriß der
Röntgendiagnostik in der Inneren Medizin" (J. F. Lehmann, München)
unter Mitarbeit namhafter in- und ausländicher Wissenschaftler, darunter
z.B. Ludolph Brauers, herauszubringen (Bibliographie 42). Dieses sofort als
Standardwerk der Röntgenologie akzeptierte Buch wurde, jeweils völlig
neu bearbeitet, 1914 in 2., 1921 in 3. und 1924 in 4. Auflage herausgegeben.
Auf das Schicksal der 1935 vorgesehenen 5. Ausgabe soll später eingegangen
werden.
An zwei Themenkreisen, die er noch in Deutschland bearbeitet hat, soll seine
Maxime, moderne Technologie zu entwickeln, um mit solchen Techniken messend
über die Morphologie hinaus zu Erkenntnissen über die Funktion zu
gelangen, für die Kardiologie herausgestellt werden. Als die Bilder laufen
lernten, wurde ihm klar, daß schnelle Reihen von Momentaufnahmen
Fortschritte in der kardiologischen Diagnostik bedeuten würden. Zusammen
mit dem Ingenieur Carl Horn wurde zunächst ein verbesserter
Impulsunterbrecher gebaut, der es dem Induktorium gestattete, starke
Öffnungsstrom-Impulse zu liefern bei Verkürzung der Expositionszeit
der Aufnahme in den msecBereich (Bibliographie 17). Danach wurde unter
erheblichem Einsatz von Arbeit und vor allem eigenen finanziellen Mitteln ein
schnell transportierender Plattensereograph gebaut, der die direkte
R'O'ntgenkinomatographie gestattete und 18-20 Aufnahmen pro Sekunde erlaubte.
Groedel berichtete über die Technik (Bibliographie 20, 30, 36) und
Anwendung des neuen Verfahrens bei der Diagnose kardialer Erkrankungen zwischen
1911 und 1913 (Bibliographie 40,60,77). Wiederum zusammen mit seinem Bruder
Theo erschien 1912 eine Arbeit (Bibliographie 78), in der kinomatographisch
demonstrierten Herzbewegungen das EKG zugeordnet wurde. 1923 wurde erstmals auf
einem Röntgenkongreß eine kinomatographische Vorführung der
Herzbewegung im Röntgenbild gezeigt (Bibliographie 162). In zunehmendem
Maße hat sich Groedel mit anderen Registrierverfahren beschäftigt.
Vielleicht hatte er es als Vermächtnis seines gefallenen Bruders
aufgefaßt, sich intensiver kardiologietypischer Registrierverfahren
zuzuwenden, wie z. B. der Phonokardiographie und der Elektrokardiographie und
der Venenpulsschreibung. Dabei wurden röntgenologisehe Fragen, die die
Strahlenbiologie und die Strahlentherapie mit umfaßten, nicht
vernachlässigt. Wiederum waren es zunächst die dem Lebensalter
angepaßten Normalwerte des EKG, die er erstellte und darüber auf der
86. Versammlung deutscher Naturforscher und Ärzte in Bad Nauheim
berichtete und die Befunde gleichzeitig in einer Monographie publizierte
(Bibliographie 121)
Die Beschäftigung mit dem EKG ließ Groedel früh erkennen, wie
beschränkt die Aussagefähigkeit der bis dahin gebräuchlichen
Ableitungen in bezug auf die Differenzierung zwischen rechtem und linkem
Ventrikel war. Sir Thomas Lewis hatte bereits 1916 (7) Kurven vom rechten und
linken Ventrikel separat aufgenommen und aus den im Tierversuch gewonnenen
beiden Kurven das konventionelle EKG zu konstruieren versucht. Die Idee,
Elektrodextrogramme und Elektrolävogramme von der Oberfläche des
Thorax aufzunehmen, d.h. Brustwandableitungen zu benutzen, verfolgte Groedel 25
Jahre (Vorwort zu Bibliographie 305), publizierte darüber aber erst 1931
(272) und 1932 (287, 290). Er sah sich dabei mit zwei grundsätzlichen
Problemen konfrontiert:
Erstens mußte man wissen, über welchem Herzteil bei pathologisch
veränderter Herzform abgeleitet wurde. Diese heute eher irrelevant
erscheinende Frage war ein Vierteljahrhundert nach Einführung der
diagnostischen Röntgenologie keineswegs geklärt. Groedels ungeheurer
röntgenologischer Erfahrungsschatz kam ihm dabei zugute. Bereits 1912
hatte er Verfahren entwickelt, an durchsichtig gemachten Herzen die Lage der
einzelnen Teile zu lokalisieren (Bibliographie 62). Erste postmortale
Lungenanglographien mit Kontrastmittelinjektionen in die Vena jugularis dienten
dazu, die Lage der rechten Herzabschnitte anzugeben (Bibliograph'le 169). Mit
Tastelektroden wurden die Kraftfelder über der Thoraxwand ermittelt und zu
der röntgenologischen Lokalisationsanalyse in Beziehung gesetzt. Als
zweite Schwierigkeit wurde erkennbar, daß blpolare Ableitungen von der
Brustwand nicht genügten. Unabhängig von Wilson wurde von ihm das
Konzept der unipolaren Brustwandableitungen entwickelt, und mit den
Tastelektroden die Partialelektrogramme aufgezeichnet.
Die Originalkurven wurden übereinandergepaust, und das EKG daraus
abgeleitet. Zeitkonstanten und Voltgrößen wurden statistisch
bearbeitet. Im Vergleich zum EKG eines Gesunden ist aus den Kurven eines
Patienten mit Linkshypertrophie deutlich zu erkennen, daß das
Dextrokardiogramm abnimmt und sich die Zeitmaße in bezug auf die
Negativität zwischen beiden Partialelektrogrammen verändert haben.
Allen Kurven ist ein Orthodiagramm beigefügt, in dem die Ausmessungen des
Herzens eingetragen sind. Es wird heute nicht mehr erwähnt, daß ein
noch gegenwärtig täglich benutztes
röntgenologisch-kardiologisches Standardmaß, nämlich der
Herz-LungenQuotient, das Verhältnis von Thoraxinnendurchmesser zu
Transversaldurchmesser des Herzens von Groedel eingeführt wurde.
Als Groedel Deutschland 1933 verließ, war die Monographie "Das
Extremitäten-Thorax- und Partial-Elektrokardiogramm des Menschen"
(Bibliographie 305) fertig. Es erschien 1934 mit einem Vorwort, das er als
Direktor des Kerckhoff-Institutes zu Bad Nauheim bereits in New York schrieb.
Es schließt:
"Es handelt sich also bei der vorliegenden Monographie urn die erste
Zusammenfassung der ersten Resultate um eine Studie aufgrund des z. Z.
vorliegenden Materials. Das soll keine Entschuldigung sein. Es soll auf die
bewußte und gewollte Begrenzung der gezogenen Schlüsse hinweisen,
auf die Notwendigkeit der Nachprüfung und Weiterforschung. Wenn die
nachfolgenden Ausführungen eine brauchbare Basis für die nun
einsetzenden Untersuchungen abgeben, so ist der Zweck dieses Buches
erfüllt."
Die interessanten Ergebnisse brauchen nicht kommentiert zu werden, die
Intention wird klar, und diesen Worten ist nichts hinzuzufügen.
Groedels Beiträge zur Entwicklung der Brustwandelektrokardiographie sind
heute in Deutschland vergessen. Die Monographie durfte nicht verkauft werden.
Daß er dennoch zu den Pionieren dieser Methode zählt, wird ihm
dankenswerter Weise von niemand geringerem als George E. Burch bescheinigt, der
auch seine deutschen Arbeiten von 1932 zitiert (1). Als letztlich auf einer
Konferenz in London 1938 die Standardbrustwandableitungen festgelegt wurden,
fehlten naturgemäß die Deutschen. Aber auch Groedel konnte nicht
teilnehmen, da er noch nicht amerikanischer Staatsbürger und so
Beschränkungen unterworfen war.
Groedels wissenschaftliche und publizistische Arbeit war mit der
Übersiedlung nach USA nicht beendet. Simon Dack, langjähriger
Herausgeber des American Journal of Cardiology und Präsident des American
College of Cardiology von 1956 bis 1957, schrieb mir auf meine Anfrage am 20.8.
1987, daß Dr. Philip Reichert, ein Kardiologe vom Rockefeller-Institut,
zu Groedels Bewunderern gehörte und sein Mitarbeiter wurde, "who was a
great gadget maker by hobby and he built Groedel an impressive apparatus to map
the etectrocardiogram from multiple sites on the chest wall. This enabled
Groedel to continue bis research on the pathway of impulse conductions through
the heart and over the body surface" (2).
Da ihm in USA die aufwendigen röntgenologischen Geräte nicht mehr zur
Verfügung standen, wurden die wissenschaftlichen Arbeiten jetzt fast
ausschließlich durch die Kardiologie bestimmt. Bis auf eine Publikation,
die 1951 in der Deutschen medizinischen Wochenschrift erschien, wurde nun in
Englisch veröffentlicht (Bibliographie 385), häufig zusammen mit
Bruno Kisch, mit dem ihn eine tiefe Freundschaft verband.
Aus den noch in Amerika veröffentlichten Arbeiten sollen zwei zitiert
werden, um Groedels innovatives Geschick, seine kritische Beobachtungsgabe und
sein didaktisches Vermögen aufzuzeigen. 1939 berichtete er zusammen mit
Kisch (Bibliographie 315) über ventrikuläre paroxysmale Tachykardien
und beschrieb darin erstmals die präautomatische Pause des Sinusknotens,
die bis dahin nur im Tierexperiment und an isoliertem Herzgewebe nachgewiesen
wurde. Meines Wissens, und das betonen die Autoren, war dies die
Erstbeschreibung am Menschen des Phänomens, das auch im Deutschen heute
"Overdrive-Suppression-Effekt" genannt wird.
Eine zweite völlig neue Beobachtung wurde von Groedel und Kisch 1944
mitgeteilt. Sie zeigt anhand sorgfältig aufgenommener Phonokardiogramme,
die nach Groedels Angaben sowohl über dem Herzen als auch über den
Halsvenen aufgenommen wurden, daß das präsystolische Geräusch
der Mitralstenose nicht an eine Vorhofsystole gebunden war, sondern sich auch
bei Vorhofflimmern nachweisen ließ. Auch das ist heute bekannt, ohne
daß den Erstbeschreibern dafür noch Meriten eingeräumt werden.
Sieht man heute neuere Literatur in Deutschland in bezug auf die Nennung von
Groedel durch, so fällt einem nur das 11. Gebot für wissenschaftlich
Schreibende ein: "Du sollst außer Dir auch andere Autoren zitieren"
Groedels wissenschaftliche Leistung heute in ihrer Bedeutung auch nur
annähernd umfassend darzustellen, sprengt jeden Rahmen. Einmal deswegen,
weil der Umfang von 392 Veröffentlichungen dazu zu groß ist, zum
anderen aber auch und insbesondere deswegen, weil viele Arbeiten aus der
Aktualität in ihrer Zeit zu verstehen sind, und diese aktuellen
Bezüge heute nur schwer oder für mich persönlich nicht mehr ohne
weiteres nachzuvollziehen sind. Aber seine Voraussicht, die Erkennung des
Wesentlichen, kommt vielleicht am besten in der kurz vor seinem Tode noch in
deutscher Sprache erschienen Arbeit "Antikoagulantienbehandlun der
Herzerkrankung" (Bibliographie 385) zum Ausdruck. Groedel nimmt darin Stellung
zu drei Fragen:
1. Die Methodik der Bestimmung der Blutgerinnbarkeit.
2. Die natürliche Gerinnungsverhinderung des Blutes.
3. Die Voraussage der Thrombosegefahr.
Er führt aus, daß keine der Fragen 1951 geklärt sei. Sind sie
es heute? In dieser Veröffentlichung spricht Groedet auch schon von der
Aspirinbehandlung und sagt: "Unter den Aspirin-Fanatikern ist bereits
Verwirrung festzustellen..." Wie wahr im Zeitalter, in dem diese Fragen im
STERN und SPIEGEL abgehandelt werden. Groedel mahnt zur Vorsicht, solange
gesicherte Erkenntnisse fehlen, und insbesondere schien ihm nicht
abgeklärt, inwieweit nicht bis dahin ruhende kardiale Thromben sich
loslösen könnten. Daher die Mahnung: "quita non movere" und daraus
abgeleitet die Maxime therapeutischen Handelns: "nil nocere".
Das Spektrum der wissenschaftlichen Betätigung Franz M. Groedels
könnte allzu leicht den Eindruck erwecken, er sei ein der Apparatemedizin
Verfallener gewesen. Franz M. Groedel war aber in erster Linie Arzt, und
über seiner wissenschaftlichen Arbeit stehen letztlich die Worte, die er
dem Kerckhoff-Institut als Motto auf den Weg gab:
"Per scientiam ad salutem aegrotorum".
II. Franz M. Groedel als Wissenschaftsorganisator
Ein Mensch, der durch seine wissenschaftlichen Werke sein Talent, sich selbst
zu organisieren, bewiesen hat, muß nicht notwendi erweise auch ein
Wissenschaftsorganisator sein. Voraussetzung für Wissenschaftsorganisation
ist einmal die Erkenntnis, daß Probleme interdisziplinär bearbeitet
werden müssen, d. h. letztlich eigene Bescheidenheit. Zum anderen aber
auch die Erkenntnis, selbst Geleistetes für rundlegend zu halten und zur
Schaffung einer breiteren Basis dies mit Uberzeugung anderen zu vermitteln.
Betrachtet man die Vereins- und Institutsgründungen, die Vorstands- und
Präsidentenfunktionen, die mit dem Namen Groedel über die Dauer
seines Lebens verknüpft waren, wird man doch von leichtem Mißtrauen
befallen (Tabelle 1). Die Unterschiede zwischen Vereinsmeierei,
Großmannssucht und Geltungsbedürfnis einerseits und dem Bemühen
der Erforschung des für richtig Erkannten eine Basis zu schaffen,
verwischen sich oft und werden auch im Leben Groedels nicht immer deutlich.
Seine organisatorischen Fähigkeiten und seine Vorstellungen, wie
Wissenschaft zu betreiben sei, sollen am Konzept des
W.-G.-KerckhoffHerzforschungsinstitutes dargestellt werden, seine Intentionen,
wie Wissenchaft zu vermitteln sei, am Beispiel des American College of
Cardiology.
Funktionen Franz M. Groedels
| 1920 |
Stellvertretender Geschäftsführer der Gesellschaft
deutscher Naturforscher und Ärzte |
| 1920 |
Mitbegründer der Frankfurter Röntgengesellschaft |
| 1922 |
Vorsitzender der deutschen Röntgengesellschaf |
| 1922 |
Eigene Sektion Röntgenologie in der Gesellschaft
deutscher Naturforscher und Ärzte |
| 1928 |
Mitbegründer der deutschen Gesellschaft für
Kreislaufforschung |
| 1929-1931 |
Planung des W. G. Kerckhoff-Herzforschungsinstitutes |
| 17.10.1931 |
Eröffnung des Institutes Groedel Direktor auf Lebenszeit |
| 1945 |
Präsident der Rudolph-Virchow Medical Society und der New
York Cardiological Society |
| 1949 |
Mitbegründer des American College of Cardiology |
| 1949-1951 |
Präsident des American College of Cardiology |
7 Zunächst aber ist festzuhalten, daß es bereits dem jungen Groedel
klar war, daß Wissenschaft und ärztliches Handeln nicht eine
nationale, sondern eine internationale Angelegenheit seien. Solange er in
Deutschland arbeitete, publizierte er auch in Englisch, Spanisch, Italienisch,
Französisch und Rumänisch. Wenn im Winter die Saison in Bad Nauheim
zu Ende war, begab sich Groedel mit stets neuen Vorträgen auf Reisen, die
ihn dank seiner guten Verbindungen fast immer in die USA führten.
Veröffentlichungen über klinische Balneologie, die letztlich in dem
"Vorschlag, den Badebetrieb im klinischen Sinne zu reorganisieren"
(Bibliographie 260) mündeten, waren in USA zur Kenntnis genommen worden.
Groedel wurde auf Veranlassung Roosevelts in die Saratoga Spring Commission
gewählt, um seine Erfahrungen in der Balneologie und der Rehabilltation
einbringen zu können.
Seine organisatorischen Fähigkeiten konnte er aber erst unter Beweis
stellen, als Louise E. Kerckhoff den Wunsch ihres Mannes erfüllte und
Planung und Bau des Institutes in Bad Nauheim ermöglicht wurden.
Eine ungeheure organisatorische Leistung ist bereits, daß das Institut in
zwei Jahren geplant und gebaut wurde. Folgt man Groedels eigener Darstellung
(aus den Archiven des Kerckhoff-Institutes), so waren erhebliche
Schwierigkeiten zu überwinden. Der Inhaber des in Bad Nauheim schon
vorhandenen Gießener Universitäts-Institutes erhob ebenso
Widerspruch wie die Frankfurter Universitätsbehörden, deren Starrsinn
es zu verdanken ist, daß der ursprüngliche Plan der Gründung
einer Akademie in Frankfurt nicht zustande kam und daß das Institut heute
in Bad Nauheim und nicht in Frankfurt steht. Dies kam aber auch Groedels
Intentionen entgegen, der von Anfang an die LVAs mit deren Vertreter Dr.
Grünbaum für den Plan gewinnen konnte und damit soziaimedizinisehe
Aspekte aus der Institutsarbeit nicht ausgeklammert wissen wollte. Die
konstituierende Sitzung eines von ihm gegründeten wissenschaftlichen
Komitees tagte am 12.4.1931. Die Teilnehmerliste enthält neben den Namen
bekannter Wissenschaftler auch die von Zeitungsredakteuren. Auch dies weist auf
die beabsichtigte Öffentlichkeitsarbeit hin (Archiv Kerckhoff-Institut).
Betrachtet man den Organisationsplan des Institutes, wird die breite
Fächerung klar, und die Absicht, kardiologische Forschung
interdisziplinär zu betreiben. Dabei wurde auch der ärztlichen
Fortbildung breiter Raum gelassen.Groedel wurde nach seiner Übersiedlung
nach New York aktiv in der Virchow-Gesellschaft und in der New York
Cardiological Society, zu deren Präsidenten er 1945 gewählt wurde.
Simon Dack schreibt mir darüber, daß in dieser Zeit Groedel anfing,
eine größere nationale Plattform für die Kardiologie in Amerika
zu planen und daß er mit Kraft Widerstände in der Gesellschaft
überwinden mußte, um zum Ziel zu kommen. Er, der jetzt Ende 60 war
und dem Ehrungen und Leid in reichem Maße. widerfahren waren, gab seine
klinische Praxis auf, um seine Zeit dem Aufbau des College zu widmen und
spannte dafür und für die Rekrutierung der Mitglieder auch sein
eigenes Personal ein. Lassen Sie mich aus dem Brief Simon Dack's zitieren:
"... Groedel was elected President and Reichert Secretary and by 1951 the
American College of Cardiology becamc an established and respected national
organization. As expressed in the Constitution the aims of the College were to
lencourage and participate in the continuing education of physicians and
surgeons and other scientists in fields related to cardiovascular disease'."
Bruno Kisch ergänzt diese Aussage:
"The organization of the American College of Cardiology in 1949 is due to the
effort and idealism of Dr. Groedel, who in collaboration with a small group of
friends built this new and important college with highest ethical, scientific
and professional aims. (4)"
Die Franz-Groedel-Medaille, die 1955 geschaffen wurde, wurde als Auszeichnung
für Kardiologie erstmals John F. Fulton von der Yale Universität
verliehen. Sie wird nach Dack's Brief (und hier ist Mahr (9) nicht zu folgen)
auch heute noch als hohe Auszeichnung verliehen.
Wenn sich in unserer Herzkreislaufgesellschaft immer wieder
Separationsbestrebungen und Kornpetenzrangeleien zwischen klinisch tätigen
und theoretisch arbeitenden Kardiologen bemerkbar machen, so muß den
Mitgliedern empfohlen werden, solche Bestrebungen auch derzeit noch
vorurteilslos an den Zielen der Gründer unserer Gesellschaft zu messen,
die auch in die Statuten des American College eingeflossen sind.
Bruno Kisch schreibt dazu 1955 (5):
"Dies jüngste Kind der Deutschen Gesellschaft für Kreislaufforschung
(nämlich das American College), das sich dieser Vaterschaft kaum je
bewußt wurde, spielt heute eine ganz bedeutende Rolle im medizinischen
Leben der Vereinigten Staaten, hat alle Widerstände schließlich
überwunden und Großes für die Kardiologie in Amerika geleistet.
Ob freilich das ideelle demokratische Prinzip der Satzungen und Einrichtungen
der Deutschen Gesellschaft für Kreislaufforschung sich auf die Dauer
erhalten lassen wird, muß die Zukunft zeigen."
Wissenschaft muß heute mehr denn je interdisziplinär betrieben
werden, um erfolgreich zu sein, und wissenschaftliche Erkenntnisse können
"zum Wohle des Kranken" nur fruchtbar auf breiter Basis vermittelt werden. Ich
bin sicher, Franz M. Groedel würde dieser Aussage vorbehaltlos zustimmen.
III. Franz M. Groedel
- der Mensch und sein Schicksal
Das Schicksal eines Menschen kann nicht ohne den Rahmen seines Lebens
dargestellt werden, und in dem Rahmen müssen Herkunft und durch Erziehung
vermittelte Kultur enthalten sein.
Die Familie stammt ursprünglich aus dem Dorf Griedel bei Butzbach, daher
auch der Name. Der kulturelle Mittelpunkt der Juden in der Wetterau aber war
Friedberg, und in der Stadt hatte jüdisches kulturelles Leben eine bis ins
frühe Mittelalter zurückreichende Tradition. Das rituelle Judenbad,
der tiefste gotische Bau der Welt, zeugt davon und ist auch heute noch zu
besichtigen.
Aus dieser Stadt kamen die Oppenheimers, versippt mit den Groedels (10); der
Diamentenkönig Sir Ernest Oppenheimer hat noch in Friedberg sein Abitur
abgelegt.
Wenn Tradition in einer Familie Einfluß behält und mehr oder weniger
bemerkbar Lebenseinstellungen formt, so ist sicher Franz Groedel auch vor
diesem historischen Hintergrund zu betrachten. Der Familienstammbau, erstellt
von dem nach Österreich ausgewanderten und später geadelten Zweig der
Familie, weist zahlreiche Ärzte, Ingenieure, Juristen und andere
Akademiker auf. Vater und Bruder waren hochangesehene Ärzte.
Groedel trat 1910 zum Christentum über. Es spricht aber für seine
Toleranz, daß er die jüdische Gemeinde weiter unterstützte. Die
Prägung durch das Elternhaus - auch der Vater war Christ - war
konservativ-deutschnational, und Verantwortungsbewußtsein und
Pflichtgefühl waren Erziehungsz'lel. Wie sein Vater war Groedel aktiver
Burschenschaftler zunächst bei den Münchener Cimbern, ab
Sommersemester 1901 in der Gießener Alemannia ("Der Alemanne", Nr. 53,
Mai 1967). Bis zu seiner Emigration hat sich für Franz M. Groedel die so
oft aufgeworfene Frage "deutscher Jude oder Jude in Deutschland" Oberhaupt
nicht gestellt. Er war Deutscher nach Erziehung, Wesen und Denkungsart, und die
Bitterkeit über die erzwungene Aufgabe dieser Identität kommt zum
Ausdruck, wenn er sich entschließt, "den Entscheid des deutschen Volkes
zu akzeptieren, wonach meine Familie und ich nicht mehr zu ihnen gehören"
(6).
Die deutschnationale Haltung und Erziehung zur Internationalität sind dies
nicht Inhalte, die sich ausschließen? Nicht in der Zeit, als Groedel
lebte und heranwuchs, vor allem aber nicht in einer Familie, in der das
Zuhausesein in fremden Sprachen selbstverständlich war und die im Umgang
mit hochgestellten Ausländern nichts Besonderes sah; seien dies nun
Patienten oder Freunde, wobei erstere häufig zu letzteren wurden. Dies war
sicher der Fall bei William G. Kerckhoff und wohl auch bei dem Bankier Bernard
Baruch, der auf Groedels Veranlassung Bruno Kisch das Stipendium verschaffte,
das es ihm ermöglichte, Köln vor dem Holocaust zu verlassen und sich
in den USA anzusiedeln. Sicher aber wurde aus einer Klassenkameradschaft eine
lebenslange Freundschaft, die Groedel bei der Übersiedlung nach New York
half.
1891 weilte die Familie Roosevelt zur Kur in Bad Nauheim und wohnte in der
Groedel-Villa. Der ein Jahr jüngere Sohn Franklin Delano besuchte mit
Franz Groedel die Schule in Bad Nauheim. Die Soldatenzeitung "Stars and
Stripes" erinnert in ihrer Ausgabe vom 12.4.1948 an den amerikanischen
Schüler in Bad Nauheim und weist darauf hin, daß diese Tatsache
beinahe zwei Jahrzehnte nicht erwähnt wurde (letzte, z.T. falsche Meldung
in der Bad Nauheimer Zeitung vom 13.1.1933).
Für Menschen mit dem Hintergrund, dem Wissen und der internationalen
Verbindungen wie Groedel bedeutete es keine Schwierigkeit zu erkennen und zu
würdigen, was in anderen Ländern geleistet wurde, und dies über
die Grenzen seines Fachgebietes hinaus. Bei der Würdigung eigener und
nationaler Leistungen verfiel er nicht der Hybris, und eine Identifizierung mit
dem Staat und dem deutschen Volk gelang ihm besser als uns heute, die wir das
schreckliche Erbe des 1 000j ährigen Reiches immer noch tragen und
aufarbeiten müssen. Mit der Einweihung des Kerckhoff-Institutes war der
Höhepunkt seiner beruflichen Karriere erreicht. Zwei Jahre blieben ihm, um
neue Möglichkeiten zu nutzen. Zur gleichen Zeit traf ihn aber ein
persönlicher Schicksalsschlag. In wenig glücklicher Ehe lebend
verübte seine Frau Selbstmord.
Dies war der Bühnenaufbau, in dessen Kulissen sich die Tragödie
seines persönlichen Schicksals abspielte.
Bereits im Februar 1933 versperrten uniformierte SA-Männer Patienten den
Zugang zum Groedel-Sanatorium. Nach Frau Liesel Fritzel (3), einer noch
lebenden "Röntgenschwester" Groedels aus diesen Tagen, waren es
amerikanische Patienten, die erreichten, daß die "Wachen" abgezogen
wurden. Die Konsequenz war, daß Groedel veranlaßte, daß seine
77jährige Mutter nach New York übersiedelte. Man kann daraus ersehen,
daß er offenbar selbst nicht glaubte, die sich abzeichnenden
Verhältnisse könnten "ausgesessen" werden, da nur von kurzer Dauer.
Was hielt ihn selbst bei dieser Einsicht noch in Deutschland? Ich denke,
Pflichtbewußtsein ist der richtige Ausdruck, und dies läßt
sich belegen:
In der 9. außerordentlichen Kuratoriumssitzung der W. G.
-Kerckhoff-Stiftung in Bad Nauheim am 27.9.1933 fragt Groedel dezidiert: "Ob
das Kuratorium in der Lage ist zu der Frage Stellung zu nehmen, ob dem Institut
Gefahr droht, wenn er weiter auf seinem Posten verbleibt" (Archiv
KerckhoffInstitut) -
Das Kuratorium bezeugt in dieser Sitzung Groedel zunächst seine Verdienste
um das Institut, sieht sich aber außerstande, ihm Empfehlungen zu geben
und stellte sich mit keinem gemeinsam gefaßten Beschluß
öffentlich vor ihn. Man ist "überzeugt, daß Herr Prof. Groedel
das Beste des Institutes im Auge hat, daß er sogar bereit sein
würde, sein persönliches Interesse dem Wohl des Institutes zu
opfern..."
Groedel selbst führt aus, daß es nicht nur sein Werk sei, sondern
das der Stifterin Frau Kerckhoff, und er habe diese Frage auch mit ihr zu
erörtern.
Im Protokoll nicht expressis verbis erwähnt, aber zwischen den Zeilen
deutlich herauszulesen, ist der Entschluß Groedels, die Reise nach den
USA dazu zu benutzen, Deutschland zu verlassen. Der hellsichtige Diagnostiker
war auch hier imstande - und anders als sein Freund Bruno Kisch die Prodromi
der sich anbahnenden braunen Volksseuche richtig zu erkennen und eine lange
Krankheit vorauszusagen. Die Ausführungen des Kuratoriums wenigstens
deutete Groedel als Aufforderung zur Resignation, und er nimmt In seinem
Schreiben bereits aus New York an Frau Kerckhoff vom 3.5.1934 auf einen
neuerlichen Brief des Kuratoriums bezug, in dem seiner Ansicht erneut der
Rücktritt gefordert wird. Er schließt diesen Brief:
"Den Dank tut Ihre einzigartige großzügige Stiftung bleibt Ihnen,
sehr verehrte gnädige Frau, Bad Nauheim/Hessen und Deutschland für
immer schuldig. Die äußeren Ehrungen, die Ihnen zuteil geworden
sind, waren nur ein Ausdruck der Dankbarkeit. Daß sie mir gleichzeitig
durch diese Stiftung die Möglichkeit schufen, ein ganz neuartiges
wissenschaftliches Institut aufgrund meiner Lebenserfahrung aufzubauen und zu
organisieren und gleichzeitig mich an Ihrer Stiftung für deutsche junge
Wissenschaftler mitarbeiten ließen, hat auch mich zu Ihrem
persönlichen Schuldner gemacht ... Noch schwerer trifft es mich nun,
daß ich Ihnen gegenüber undankbar erscheinen muß, indem ich
Sie heute um meine Entlassung und um Entbindung von meinen Verpflichtungen
bitte, also unser Werk scheinbar im Stich lasse. Ich hoffe aber, daß Sie
meine Gründe verstehen und billigen werden."
Frau Kerckhoff muß Groedel gut gekannt haben, denn sie weiß
ihn in ihrem Antwortschreiben vom 14.5.1934 an der Stelle zu fassen, an der er
nicht nein sagen konnte, an seinem Pflichtgefühl. "Vor und nach der
Gründung dieser Stiftung haben Sie sich der Sache geopfert, haben Ihre
Zeit und Kenntnisse freiwillig gegeben, haben sich viele Sorgen während
des Bauens der Gebäude gemacht, hatten unendliche Sitzungen mit der
damaligen Regierung, um Mißverständnisse auszugleichen usw. usw. Ich
habe Ihre persönliche Ausdauer und Ihr persönliches Interesse immer
sehr hoch anerkannt und die einzige Bezeugung meines Vertrauens in Sie und die
weitere Anerkennung Ihrer Arbeit in der Stiftung kann ich nur dadurch beweisen,
daß es mir unmöglich ist, Ihre Resignation anzunehmen."
Groedel blieb Direktor des Institutes, solange er lebte. Als R. Thauer 1951 die
Leitung des Institutes übernahm, mußte er zunächst als
stellvertretender Direktor seine Bestallung bei Groedel in New York
entgegennehmen. Die Aufgabe, weiter Direktor zu sein, nahm Groedel ernst, und
die Ernsthaftigkeit seines Bemühens um das Institut spiegelt seine
Humanität wider und den Versuch, die Bitterkeit, die von falschen Freunden
in ihm erweckt wurde, zu unterdrücken. Wen verwundert es, daß sie in
seinen Briefen zuweilen durchbricht und diese nicht immer ohne "contradictio in
se" sind. Aber eine größere Angelegenheit des Verwunderns war,
daß Groedel, dem bis 1939 regelmäßig über die
Tätigkeit des Institutes berichtet wurde, es unternahm, von Frau Kerckhoff
Mittel zu bekommen, um dem Institut zu helfen. Am 28.2.1937 schreibt er an
Prof. Eberhard Koch:
"Ich habe mich sehr gefreut, daß Frau K. noch einmal in die Tasche
gegriffen hat. Seit Jahren habe ich ihr in tagelangen Konferenzen nahegelegt,
die Hälfte des Kapitals zu transferieren. Noch vor einem Jahr-siewarfast
bereit-wäre dasvon ungeheurem finanziellen Vorteil für die Stiftung
gewesen. Immerhin bietet es auch j etzt noch Vorteile. . .
und am 25.5.1938:
"Daß der Transfer nun endlich erledigt ist, freut mich. Schade nur,
daß Herr K. (Sekretär von Frau Kerckhoff) zu spät meine
Vorschläge akzeptierte. Nach meinen Vorschlägen hätte das
Institut viel besser abgeschnitten..."
Diese Hilfe durch einen jüdischen Menschen, der mit Schimpf (Schande
konnte man ihm nicht antun) gezwungen wurde, die Heimat zu verlassen und dem es
verwehrt war, an der neuen Heimstätte der Wissenschaft zu arbeiten!
Nach dem Krieg begann der Schriftwechsel erneut, und der erste
Tätigkeitsbericht kam von Prof. Hans Schäfer, der Prof. Koch in der
Institutsleitung abgelöst hatte. Groedel sah sich aber zunächst
veranlaßt, einen akuten Notstand im Institut abzuhelfen. Es war von den
amerikanischen Besatzungsbehörden von der Fernheizung abgeschnitten
worden. In Briefen an das State Department und die Militärbehörden
versuchte er, die
Beheizung zu ermöglichen. Die Begründung:
"The institute at the present time seems to be used tot medical purpose, for the
examination of the population. This was the reason the request of the institute
tot heat was declined. But the institute as a research institute works tot
humanity. Perhaps this may be a justifiable reason to grant it some of the
available heat..." (Brief an das State Department vom 15.11.1945)
Es muß weh getan haben zu erfahren, daß Früchte
wissenschaftlicher Arbeit nicht zur Kenntnis gebracht werden konnten. Nach dem
Erscheinen seiner zweibändigen Monographie über das EKG
(Bibliographie 305) mußte der Vertrieb eingestellt werden. Zur 5. Auflage
seines Standardwerkes über Röntgenologie kam es nicht mehr (1935).
Heinz Lossen schreibt dazu anläßlich der Festschrift zu Groedels 70.
Geburtstag:
"Welche Verwirrung der Geister im Braunen Dutzendreich herrschte, mag folgendes
belegen: Als Herausgeber in Deutschland trat der Verlag an mich heran mit der
Bitte, die zahlreichen Namen der jüdischen Autoren in Groedels Werk zu
streichen. Ich lehnte das natürlich ab. Darauf wurde als Kompromiß
vorgeschlagen, vor solchen Namen doch wenigstens den Judas-Stern zu setzen.
Daraufhin mußte die Arbeit nach Erscheinen des 1. Teiles der 5. Lieferung
eingestellt werden, zumal der Verlag den Namen Groedel auf dem Titelblatt
wegzulassen für richtig hielt."
Habent sua fata libelli! Aber nicht die Bücher für sich allein,
sondern dahinter steht stets auch ein menschliches Schicksal. Groedel, der
genügend falsche Freunde kennengelernt hatte, hielt unverbrüchlich zu
den wahren Freunden. Bruno Kisch und Heinz Lossen haben es erfahren. Er
bezeugte seine Dankbarkeit gegenüber Prof. Otto Eger, einem Gießener
Juristen, seinem Vertreter im Kuratorium der Stiftung in Bad Nauheim
während der schlimmen Jahre:
"I repeat that I was glad and thankful that you undertook the extremely
difficult task to navigate the institute all these years through the brown sea
and 1 must congratulate you on having managed to bring your boat home to the
new Germany, which we all hope will now be built upon the pittful corpse of the
extinguished Nazi-State" (Brief vom 15.11.1945).
Nach dem Kriege wurde Groedel von der Stadt Bad Nauheim gebeten,
zurückzukommen. Er lehnte ab. Aber das hinderte ihn nicht, mit Containern
von Lebensmitteln und Kleidung aktiv zu helfen. Der Stadt vermachte er 20
Gemälde seiner Sammlung von Malern des 19. Jahrhunderts, darunter Werke
von Lenbach, Spitzweg und Böcklin. Sein kunstsinniger Verstand spiegelt
auch das im besten Jugendstil gestaltete "Ex libris" wider. Der Anblick der
Göttin Hygieia kann allein schon das Herz warm machen, zumal, wenn ihr
kokettes Lächeln nicht außer Acht gelassen wird. Auch dieser
freundlich menschliche Aspekt gehört zum Mosaik der Persönlichkeit
Groedels.
In seiner Weigerung, nach Bad Nauheim zurückzukommen, stehen Sätze,
die seine Sicht der Naziherrschaft beschreiben und die es wert sind, in
Erinnerung zu bleiben. Franz M. Groedel, der sich als Deutscher und
Weltbürger betrachtet hatte, machte aus seinem Judentum in den USA kein
Hehl. Trotz Lehraufträgen an der Cornell- und Fordham University
schloß er sich dem jüdischen Beth David Hospital an. Dieser Jude
schreibt:
"Die Nazi-Zeit, und in dieser Beziehung nehme ich einen anderen Standpunkt ein,
als viele andere - war in meinen Augen eine Krankheit. Krankheit im Gegensatz
zur Gesundheit ist stets häßlich, oft widerlich - aber auch
mitleiderregend. Ein Arzt wird daher immer erst das Seelenleben seines Kranken
zu verstehen versuchen, bevor er ein Urteil über seine Persönlichkeit
fällt. So habe ich 12 Jahre lang versucht, das deutsche Volk zu
entschuldigen und habe die Hoffnung nicht aufgegeben, daß die Heilung
eines Tages aus dem Körperinneren heraus, aus eigener Kraft kommt,
daß das deutsche Volk eines Tages die Kraft finden möge, den
ekelhaften Aussatz von seiner Haut abzubrennen, den Aussatz, den ihm undeutsche
Demagogen aufgeimpft hatten. Diese Hoffnung hat sich nicht erfüllt. Die
Welt hat Deutschland in ein Quarantänelager sperren müssen, um den
Aussatz zu heilen. Jeder menschlich Denkende und Fühlende muß
hoffen, daß es gelingen wird, den Aussatz zu beseitigen, daß aber
der Körper selbst dabei nicht unnötig geschwächt wird und sich
von der schweren Krankheit innerhalb kurzer Zeit erholt. Das ist bildlich meine
Auffassung von dem, was Deutschland durchgemacht hat, und so werden Sie
verstehen, daß ich nur Mitleid, aber keinen Haß oder ähnliche
Gefühle für das empfinde, was ich unter Deutschland und Deutschen
verstehe. Die 12 Nazi-Jahre haben meine Gefühle für Deutschland, die
wirklichen Deutschen und für meine Vaterstadt nicht ändern
können. Ich hoffe, dies beweisen zu können und daß es mir in
bescheidenem Maße möglich sein wird, beim Wiederaufbau Bad Nauheims
in irgendeiner Form behilflich zu sein..." (6).
Diesen Worten ist prinzipiell nichts hinzuzufügen. Aber der Auftrag daraus
muß doch lauten, daß wir mit wachen Augen auf Symptome achten
müssen, um neue Seuchen zu verhindern. Menschen darf, aus was für
Gründen immer, durch Menschen nichts geschehen, und dies ist wahrlich
nicht auf Juden beschränkt. Wir sind verpflichtet, uns zu erinnern, denn:
"Wer seine Vergangenheit vergißt, wird verurteilt, sie noch einmal zu
durchleben" (George Santayana).
Nach dem Grundsatz, daß Vorbeugen besser als Heilen ist, sind wir
aufgerufen, vor Ausbruch der Krankheit prophylaktisch tätig zu werden. Die
uns so leicht eingängig offerierte und dennoch törichte These von
"der Gnade der späten Geburt" (H. Kohl) darf uns nicht verleiten, die
"Fähigkeit zu trauern" (Mitscherlich) mit dieser Entschuldigung
bewußt abzulegen. Aus der Hellsichtigkeit, die Trauer mit sich bringt,
ist die Kraft zu schöpfen, immer und stets den Anfängen zu wehren.
Als Groedel mitten in den Vorbereitungen zur 1. Tagung des American College of
Cardiology in
seinem Haus durch Unfall starb, erschien ihm kein Nachruf. Seine Liebe zu
seiner Vaterstadt und damit zu Deutschland war ungebrochen, und er
verfügte, daß seine Urne in Bad Nauheim beigesetzt würde. Seine
kardiologisch internationale Bedeutung wird unterstrichen im Brief Simon
Dack's, wenn er am Schluß über Groedel und Kisch schreibt (und dies
soll in Deutsch stehen):
"Es ist Ironie, wenn ihre furchtbaren Jahre in Deutschland und ihr Verlust
für die deutsche Kardiologie dazu geholfen haben, zu den Fortschritten der
amerikanischen und internationalen Kardiologie beizutragen."
Literatur
-
Burch GE (1978) History of precordial leads in etectrocardiography. Europ J
Cardiol 8: 207-236
-
Dack S (1987) Persönliche Mitteilung vom 20.8.1987
-
Fritzel Liesel (1988) Persönliche Mitteilung
-
Kisch B (1951) Dedication, Anniversary Volume in honor of Franz M. Groedel on
his seventieth birthday. Exp Med a Surg 9: 209-212
-
Kisch B (1955) Die Geschichte der Organisation der Kreislaufforschung in
Deutschland. Z Kreislaufforschg 44: 241260
-
Kolb ST (1987) Die Geschichte der Bad Nauheimer Juden. Verlag Wetterauer
Zeitung, Bad Nauheim, S 186-204
-
Lewis Th (1916) The spread of the excitatory process in the vertebrate heart.
Part 111, The dogs ventricle. Phil Trans roy Soc London 207:247-254
-
Lossen H (1951) F.M. Groedel als Röntgenologe. Exp Med a Surg 9: 213-218
-
Mahr H (1987) Franz M. Groedel - Kardiologe, Röntgenspezialist, Balneologe
und Weltmann. CorVas 1: 152-156
-
Stammbaum der Familie Groedel (1926) 3. verbess. Aufl. nach Baron R. von
Groedel. Kartographisches Institut Wien
Anschrift des Verfassers:
Prof. Dr. M. Schlepper
Kerckhoff-Klinik
Benekestraße 4-6
6350 Bad Nauheirn |