Seitenüberschrift: NATUR & WISSENSCHAFT
Ressort: Natur und Wissenschaft
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 20.08.2008, Nr. 194, S. N1


Unterstützung bei Herzschwäche
 
Patienten an der langen Leine: Speziell geschulte Krankenschwestern halten telefonischen Kontakt und tragen dadurch zu einer besseren Versorgung bei.

Von Nicola von Lutterotti

Eine verminderte Herzkraft, wie sie infolge schwerer Herzleiden auftritt, zählt zu den bedeutendsten Erkrankungen unserer Zeit. Die Zahl der Patienten beläuft sich allein in Deutschland mittlerweile auf zwei bis drei Millionen. Bei der Behandlung liegt gleichwohl noch vieles im Argen - und das, obgleich eine konsequente Therapie die hohe Sterblichkeit der Betroffenen nachweislich zu vermindern vermag. Gründe für das weltweit vorherrschende Versorgungsdefizit gibt es viele. Wie große europäische Untersuchungen gezeigt haben, halten sich einerseits viele Ärzte nicht konsequent an die einschlägigen Behandlungsleitlinien. Andererseits wissen etliche Betroffene nur wenig über ihr Herzleiden und nehmen daher warnende Symptome nicht ernst genug. Darüber hinaus gibt es eine große Gruppe von Erkrankten, die aus Unkenntnis oder Vergesslichkeit die verordneten Tabletten häufig in der Schachtel liegen lässt.

Nachhaltig bessern lässt sich die Situation der Patienten nur, wenn man an mehreren Stellschrauben gleichzeitig dreht. Als sinnvoll gelten integrierte Versorgungsprogramme, die auch als Disease-Management bezeichnet werden. Wie solche umfassenden Behandlungsmodelle konkret aussehen sollten, darüber besteht in Fachkreisen allerdings noch keine Einigkeit. An kreativen Vorschlägen mangelt es zwar nicht, aber erst wenige wurden ausreichend auf ihre Praxistauglichkeit hin geprüft. Manche sind zudem an eben dieser Hürde gescheitert.

Hoffnungen hat ein in den Niederlanden entwickeltes Modell geweckt, bei dem eigens geschulte Krankenschwestern telefonisch einen Großteil der Versorgungsaufgaben übernehmen. Hierzu zählen auch ärztliche Tätigkeiten, etwa eine Erhöhung der Tablettenzahl. In einer größeren Studie haben Wissenschaftler um Tiny Jaarsma von der Abteilung für Kardiologie der Universität in Groningen (Niederlande) diese Versorgungsstrategie nun genauer unter die Lupe genommen. Wie sie in den "Archives of Internal Medicine" (Bd. 168, S. 316) berichten, konnte der von den Pflegekräften erbrachte Mehraufwand die schlechte Prognose der an Herzschwäche leidenden Männer und Frauen nicht nennenswert bessern. Jedenfalls war die Sterblichkeit der Betroffenen kaum geringer als jene einer Gruppe von Leidensgenossen, die - wie auch die anderen Teilnehmer - gelegentlich einen Kardiologen aufgesucht hatten, ansonsten aber ihrem Schicksal überlassen worden waren.

Nach Ansicht der Kardiologin Christine Angermann von der Universitätsklinik Würzburg lässt sich das unbefriedigende Ergebnis möglicherweise damit erklären, dass die Krankenschwestern zu stark auf sich allein gestellt waren. Notwendig sei eine enge Zusammenarbeit mit Herzspezialisten und Hausärzten. Die Kardiologin spricht insofern aus Erfahrung, als sie zusammen mit Kollegen ein ähnliches Versorgungskonzept entwickelt hat, das derzeit in einer größeren Studie auf dem Prüfstand steht. Den Kern des Würzburger Disease-Management-Programms bilden ebenfalls speziell geschulte Krankenschwestern. Im Unterschied zum niederländischen Modell verfügen diese aber über genaue Vorgaben und stehen außerdem in intensivem Kontakt mit Kardiologen und Hausärzten.

Die von Christine Angermann kürzlich auf einem internationalen Herzkongress in Mailand vorgestellten ersten Ergebnisse stimmen zuversichtlich. Demnach ging es den rund 350 intensiv betreuten Patienten am Ende der sechsmonatigen Beobachtungszeit viel besser als zuvor. Bedingt durch einen Anstieg der Herzkraft, sollen die Überlebensaussichten und die Lebensqualität der Betroffenen merklich zugenommen haben.

Die guten Ergebnisse führt die Würzburger Ärztin auf die klaren, fest vorgegebenen Strukturen ihres Versorgungsmodells zurück. So erhielten die in einem der Universitätsklinik angegliederten Telefonzentrum arbeitenden Krankenschwestern genaue Handlungsanweisungen, waren also nicht sich selbst überlassen. Auch konnten sie sich offenbar jederzeit an Kolleginnen oder einen Herzspezialisten wenden und in wöchentlichen Treffen schwierige Fälle besprechen. Ein weiterer Grund für das Gelingen des Projekts ist für die Kardiologin die intensive Einbindung der Hausärzte. Diese würden von den Schwestern sofort .

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benachrichtigt, wenn sich der Gesundheitszustand des Patienten verschlechtert, und könnten daher rascher agieren.

Die auf die Betreuung von Patienten mit Herzschwäche spezialisierten Krankenschwestern - eine Vollzeitkraft kann sich um etwa 100 bis 120 Personen kümmern - sorgen unter anderem dafür, dass die Kranken regelmäßig den Blutdruck, den Puls und das Gewicht messen. In den rund viertelstündigen Telefongesprächen, die je nach Schwere des Herzleidens ein- bis viermal monatlich stattfinden, fragen sie die Betroffenen zum Beispiel, ob sie unter Luftnot oder geschwollenen Knöcheln leiden. Aus den Antworten können sie ersehen, ob es notwendig ist, die Therapie zu verändern oder gar eine Krankenhauseinweisung zu veranlassen. Darüber hinaus erkundigen sich die Krankenschwestern bei jedem Gespräch danach, ob der Patient seine Medikamente korrekt eingenommen hat, und geben ihm ferner Tipps, wie er sich gesund ernähren kann und welche Art von körperlicher Bewegung ihm zugutekommt. Wie Frau Angermann anmerkt, entwickeln viele Patienten mit der Zeit ein vertrauensvolles Verhältnis zu "ihrer" Krankenschwester und sind dann mehr motiviert, den Behandlungsplan einzuhalten.

Die von den Krankenschwestern erbrachte Leistung hat freilich ihren Preis. Dieser liegt nach Angaben der Würzburger Kardiologin allerdings unter jenem, den man für die einschlägigen, auf Geräte angewiesenen telemedizinischen Verfahren aufbringen muss. Üblicherweise erhalten die Betroffenen dabei spezielle Handys, die wichtige Messdaten, etwa Blutdruck und Gewicht, automatisch an ein Überwachungszentrum weiterleiten. Selbst wenn die Kosten vergleichsweise gering sind, stellt sich aber auch bei dem Würzburger Modell die Frage, wer hierfür aufzukommen bereit ist. In Würzburg standen projektgebundene Forschungsgelder zur Verfügung. Diese stammten vom Kompetenznetz Herzinsuffizienz - einem vom Bundesministerium für Bildung und Forschung finanzierten Forschungsprojekt - und von den Spitzenverbänden der gesetzlichen Krankenkassen. Eine generelle Einführung solcher Versorgungsprogramme würde aber einen kontinuierlichen Zufluss von Mitteln voraussetzen. Für wünschenswert hält die Kardiologin eine Beteiligung der Krankenkassen. Eine bessere Versorgung der Betroffenen komme schließlich auch den Kostenträgern zugute.
 
 
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