Seitenüberschrift: NATUR & WISSENSCHAFT
Ressort: Natur und Wissenschaft
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 20.08.2008, Nr. 194, S. N1
Forscht, bisihrwisst
Geheimtagungen: Paternalismus pur / Von Rainer Flöhl
Der Stammzellforscher Hans Schöler hat in einem Beitrag in dieser Zeitung die Journalisten aufgefordert, sich vermehrt einer begrenzten Schweigepflicht zu unterwerfen (siehe F.A.Z. vom 23. Juli). Über wissenschaftliche Tagungen müsse nicht immer sofort berichtet werden. Eine solche Schweigepflicht fördere die Qualität einer späteren Berichterstattung. Zusammengefasst erwartet der in Münster am Max-Planck-Institut für Molekulare Biomedizin tätige Wissenschaftler also mehr Zurückhaltung, Demut und Kontemplation. Man könnte von wissenschaftlichen Exerzitien sprechen, die einer Läuterung dienen und der ungezügelten Schreiberei vorbeugen.
Der Beitrag Schölers ist ein Dokument des Paternalismus, der den Journalisten die Mündigkeit abspricht; die Metapher vom Maulkorb beschönigt eher die Verhältnisse. Schöler folgt längst überholten Vorbildern, die den Wissenschaftsjournalismus lediglich als Transmissionsriemen betrachten, der schwierige wissenschaftliche Sachverhalte in eine bessere - vielleicht sogar allgemein verständliche - Form übersetzt. Darin ist implizit die Vorstellung enthalten, dass die genaue Kenntnis der wissenschaftlichen Fakten auch zu einer wissenschaftlich konformen Einstellung führt. Dort, wo dies nicht gewährleistet scheint - bei wichtigen neuen "vorläufigen" Erkenntnissen -, empfiehlt sich daher eine Denkpause, die dazu verhilft, die Dinge besser zu verstehen und (vor allem) abzuwarten, bis die Befunde durch weitere Experimente ausreichend untermauert sind, um dann solide darüber zu berichten. Zugleich gesteht Schöler "den Reportern" dann großzügig zu, selbst zu entscheiden, "was" und "wie" sie schreiben oder berichten wollen.
Letztlich geht es in Schölers Vorschlag um die alles entscheidende Frage, wer die Berichterstattung beherrscht. Schon vor vielen Jahren hat eine Umfrage unter Professoren an der Universität Mainz ergeben, dass man die wissenschaftliche Berichterstattung bejaht, aber den Bedingungen der Wissenschaft entsprechend, also korrekt und abgewogen. Doch die Realität ist eine andere - unseriös sind vor allem die Wissenschaftler, die übertreiben, wenn sie nicht gar fälschen oder plagiieren. So sind die Journalisten mehr Opfer als Täter, wie dies auch der frühere Leiter der Wissenschaft der "Bild"-Zeitung, Christoph Fischer, darlegte.
Kritisch ist übrigens in diesem Zusammenhang auch das Verhalten Schölers einzuschätzen, der tagesaktuell recherchierenden und schreibenden Journalisten in Sachen Stammzellforschung kürzlich Meinungsmache und Übertreibung vorwarf. In einem eigenartigen, von der Max-Planck-Gesellschaft gefertigten und vertriebenen Interview befasste sich Schöler Ende 2007 mit den Ergebnissen zweier Forschergruppen, denen es gerade gelungen war, mit einem Cocktail aus vier Faktoren menschliche Hautzellen in eine Art embryonales Stadium zurückzuversetzen. Auf die Frage der Journalistin - die PR-Referentin seines Münsteraner Instituts -, ob es sich dabei um einen Durchbruch handele oder nur um einen "Medien-Hype", antwortete Schöler: "Es ist aus meiner Sicht als Biologe nicht nur ein Durchbruch, es ist sogar eine Sensation. Zum ersten Mal können Forscher die Zeitachse der Entwicklung in der Zellkultur umkehren: Aus einer Körperzelle wird eine Zelle wie im frühen Embryo, eine pluripotente Stammzelle. Auch wenn die verjüngten, reprogrammierten Zellen noch nicht perfekt sind, geht die Tragweite dieser Entdeckung aus meiner Sicht sogar noch über die Schaffung von Dolly hinaus."
Angesichts solcher Euphorie fällt es schwer, Reporter oder gar Wissenschaftsjournalisten als Missetäter einzuschätzen. Sie erfüllen tagtäglich eine nicht leichte Funktion, gilt es doch, aus dem Allerlei der Forschung jene Dinge zu identifizieren, die für die weitere wissenschaftliche Entwicklung wichtig sind - unabhängig davon, was einmal praktisch daraus werden wird.
Die Empfehlung, bei noch nicht abgesicherten Befunden mit der Berichterstattung abzuwarten, widerspricht zutiefst dem wissenschaftlichen Prozess als ein nie endendes Kontinuum. Insofern gilt auch weiterhin die Losung Bert Brechts "Forscht, bis ihr wisst". Als das Schlafmittel Contergan mit seinem Wirkstoff Thalidomid zurückgezogen wurde, hielt es niemand für möglich, dass die Substanz bei der Bekämpfung von Lepra und Aids noch einmal Bedeutung erlangen könnte. Abwarten widerspricht einfach den Prinzipien des Tagesjournalismus. Ob in der Politik oder in der Wissenschaft. Was Schöler vorschwebt, sind offenbar Reviews, also Übersichtsartikel, wie sie in "Spektrum der Wissenschaft" oder anderen einschlägigen Organen erscheinen. Was die geistige Bewältigung neuer Forschungsergebnisse betrifft, ist ebenfalls zu berücksichtigen, dass sich die Wissenschaft allmählich entwickelt. Der Wissenschaftsjournalist lernt ständig, so dass er ebenso selten von neuen Befunden überrascht wird wie der Wissenschaftler.
Und schließlich gilt für gute Wissenschaftsjournalisten dasselbe wie für gute Wissenschaftler: Sie versuchen zu falsifizieren, also schlechte von guter Forschung zu unterscheiden. Nur was ihrem kritischen Urteil und ihrer Erfahrung standhält, bekommt seinen Platz im Medium. Auch das verstört manchen Forscher.
Der Autor war langjähriger Ressortleiter von Natur und Wissenschaft dieser Zeitung. Er berichtet auch heute immer wieder von Wissenschafts- und Medizinkongressen.
Kastentext:
Das Forum "Schöler folgt mit dem Vorschlag längst überholten Vorbildern des Wissenschaftsjournalismus."
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