Natur und Wissenschaft Frankfurter Allgemeine Zeitung, 30.08.2006, Nr. 201, S. N2


Bessere medikamentöse Unterstützung bei der Absage an den blauen Dunst
Raucherentwöhnung mit neuen Wirkstoffen: Auch der Abkömmling einer pflanzlichen Substanz trägt zur Erweiterung des therapeutischen Spektrums bei
 
Abstinenzwilligen Rauchern bieten sich mehr Möglichkeiten als früher, von ihrer Sucht loszukommen. Jedenfalls hat die Forschung einige neue Mittel hervorgebracht, die zu einer Bereicherung des einschlägigen Therapiespektrums führen könnten. Auch die neuen Medikamente führen freilich nur zum Erfolg, wenn der Betroffene über großes Durchhaltevermögen und einen eisernen Willen verfügt. Denn das Suchtpotential von Nikotin ist beträchtlich. Ohne sachgerechte Unterstützung gelingt es daher nur den wenigsten Rauchern, sich von der Nikotinabhängigkeit zu befreien. Dem blauen Dunst für immer zu entsagen fällt zudem um so schwerer, je länger der Betreffende schon zum Glimmstengel greift und je früher er hiermit begonnen hat. Wenig ermutigend ist es vor diesem Hintergrund, wie der Kardiologe Helmut Gohlke vom Herzzentrum in Bad Krozingen beklagt, daß in Deutschland rund dreißig Prozent aller Zwölf- bis Siebzehnjährigen rauchen - mehr als in den meisten anderen europäischen Nationen. Das Einstiegsalter liegt bei rund elf Jahren.

Was die Möglichkeiten der Tabakentwöhnung anbelangt, reicht gelegentlich schon das Gespräch mit dem Arzt, einen Raucher von der Zigarettensucht abzubringen. In den meisten Fällen sind hierzu jedoch begleitende Verfahren notwendig. Ein wichtiges Standbein der Raucherentwöhnung ist, neben der Verhaltenstherapie, die Behandlung mit Medikamenten. Großen Raum nimmt dabei die Nikotinersatztherapie ein (siehe F.A.Z. vom 2. August). Bei diesem Verfahren wird der suchterzeugende Inhaltsstoff des Tabaks, das Nikotin, dem Patienten etwa über Pflaster, Tabletten, Kaugummis, Nasensprays oder Inhaliergeräte zugeführt. Die mittelfristige Erfolgsquote beträgt, je nachdem, ob die Nikotinersatztherapie allein oder mit anderen Verfahren angewandt wird, sieben bis dreißig Prozent.

Abstinenzraten von bis zu 30 Prozent lassen sich auch mit dem Antidepressivum Bupropion erzielen. Dieses Mittel, das hierzulande nur zur Raucherentwöhnung und noch nicht als Antidepressivum zugelassen ist, verlängert die Wirkung der Nervenbotenstoffe Dopamin und Noradrenalin im Gehirn und löst somit ähnliche Reaktionen aus wie Nikotin. Ohne selbst süchtig zu machen, schmälert es das Verlangen nach einer Zigarette. Die Einnahme von Bupropion birgt gleichwohl auch Risiken, führt sie doch mitunter zu Krampfanfällen und anderen ernsten Nebenwirkungen. Auf diese therapeutische Schattenseite verwies der amerikanische Psychiater Bankole Johnson von der Universität in Charlottesville (Virginia) in dem Medizinjournal "Archives of Internal Medicine", das der Raucherentwöhnung kürzlich mehrere Sachbeiträge gewidmet hat (Bd. 166, S. 1547, 1553, 1561, 1571).

Als aussichtsreich gilt zudem ein weiteres Entwöhnungsmittel, das derzeit noch die klinische Prüfung durchläuft. Vareniclin, so heißt der neue Wirkstoff, aktiviert im Gehirn dieselben Schalter wie Nikotin. Es erzeugt dabei zwar keinen Belohnungseffekt, mindert dafür aber die Entzugserscheinungen. Da sich Vareniclin stärker an die Nikotinrezeptoren heftet als das Rauschmittel selbst, verdirbt es dem Raucher den Spaß an der Zigarette. Die Sicherheit und Wirksamkeit des neuen Medikaments haben amerikanische Wissenschaftler um die Internistin Cheryl Oncken von der Universität in Farmington (Connecticut) gerade in einer umfassenden Studie getestet. Beteiligt waren daran rund 650 gesunde Personen, die sich täglich mindestens zehn Zigaretten anzündeten. Ein Teil der Probanden erhielt zwölf Wochen lang täglich Vareniclin in unterschiedlicher Dosierung, der andere Teil ein Scheinmedikament.

Am Ende der Therapiezeit rührten von den mit Vareniclin behandelten Personen zwischen 44 und 50 Prozent - je nach eingenommener Medikamentenmenge - keine Zigarette mehr an, von den mit dem Placebo behandelten Teilnehmern indessen nur 12 Prozent. Nach weiteren vierzig Wochen lag die Abstinenzrate in der Gruppe, die vormals Vareniclin erhalten hatte, noch bei 18 bis 22 Prozent, im Placebo-Kollektiv demgegenüber nur bei knapp vier Prozent. Was die Art und Häufigkeit von Nebenwirkungen betraf, klagten rund 20 Prozent der mit Vareniclin versorgten Personen über unangenehme Begleiterscheinungen, etwa Übelkeit, Schlaflosigkeit und Kopfschmerzen - etwa doppelt so viele wie im Placebo-Kollektiv.

Für die meisten Betroffenen waren die Nebenwirkungen aber offenbar kein Grund, die Tabletten abzusetzen. Schwere Komplikationen sollen jedoch nicht aufgetreten sein. Um die Sicherheit und langfristige Wirksamkeit der neuen Therapie abschließend beurteilen zu können, sind freilich weitere Studien erforderlich.

Bei der Herstellung von Vareniclin stand ein Pflanzengift Pate, das in Osteuropa schon seit rund vierzig Jahren zur Raucherentwöhnung verwendet wird - ohne daß die übrige Welt hiervon Notiz genommen hätte. Die Rede ist von Cytisin, einem aus dem Goldregen stammenden, ebenfalls an den Nikotinrezeptor bindenden Stoff. Jean-François Etter vom Institut für Sozialmedizin der Universität in Genf hat sich die Mühe gemacht, die bisherigen Erfahrungen mit Cytisin zusammenzutragen und auszuwerten. Wie er bedauernd feststellt, ist die Qualität der meisten einschlägigen Studien zu gering, um den therapeutischen Effekt des Pflanzenstoffs richtig einschätzen zu können. Dennoch spreche vieles dafür, daß das Mittel die Tabakabstinenz merklich fördere. Nach Ansicht von Etter dürfte es sich daher lohnen, den heilsamen Wirkungen dieses pflanzlichen Mittels genauer auf den Grund zu gehen.

Ein weiterer, ebenfalls noch in der klinischen Erprobung befindlicher Ansatz besteht darin, abstinenzwillige Raucher mit einem speziellen Impfstoff gegen Nikotin zu immunisieren. Die hierdurch erzeugten Antikörper fangen das Rauschmittel ab, noch bevor dieses einen "Kick" auslösen kann. Wie die bisherigen Beobachtungen nahelegen, scheint sich der Impfstoff in der Klinik zu bewähren. Weitere Studien müssen nun klären, ob sich dieser gute Eindruck bestätigen läßt. Denn nicht alle Verfahren, die auf den ersten Blick erfolgreich zu sein schienen, haben die klinische Probezeit bestanden. Dies gilt unter anderem für das Medikament Rimonabant, ein seit kurzem zur Behandlung von Übergewicht zugelassenes Mittel. Zunächst als Hoffnungsträger bei der Raucherentwöhnung gehandelt, konnte das Schlankheitsmittel die Erwartungen bei dieser Anwendung nicht erfüllen.

Auch konsequente Rauchverbote scheinen manchen Zigarettenkonsumenten, die sich von der ungesunden Abhängigkeit lösen möchten, entgegenzukommen. Das legen die Erfahrungen jener europäischen Nationen nahe, die sich zu einem strengen Rauchverbot entschlossen haben. Wie Stanton Glantz vom Institut für Herz-Kreislauf-Forschung der Universität in San Francisco (Kalifornien) im "European Heart Journal" (Bd. 27, S. 382) erwähnt, ist die Zahl der Tabakkonsumenten in Irland, das im Jahr 2004 als weltweit erste Nation das Rauchen am Arbeitsplatz und in Gaststätten untersagt hat, seit Einführung des neuen Gesetzes um rund ein Drittel gefallen. Für die Situation in Deutschland findet der Wissenschaftler indes wenig Lobenswertes. Hier gebe es deshalb keine nennenswerten Gesetze zum Nichtraucherschutz, so der Forscher, weil die Tabakindustrie in Deutschland fest verwurzelt sei und von der Regierung weiterhin als ernstzunehmender Partner bei Projekten in Wissenschaft und Bildung angesehen werde.

NICOLA VON LUTTEROTTI
 
 
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