| Cardio News, 26.09.2003, Nr. 9, S. 14 | |
Leserbrief
Wie kann ich den neuen Stent überhaupt noch verweigern?
Cardio News berichtete im Juni (Nr. 6, Seite 32) über das neue Positionspapier der Deutschen Gesellschaft für Kardiologie zur Verwendung beschichteter Stents, das im Internet (www.dgk.org) einsehbar ist. Dazu erreichte uns ein Leserbrief von Professor Nienaber aus Rostock.
1. Mit der Verfügbarkeit der neuen medikamentenbeschichteten
Stents kommen Kardiologen, insbesondere interventionell tätige Kardiologen
regelmäßig in Konfliktsituationen, da sie aus Budgetgründen
entscheiden müssen, welche Patienten einen modernen medikamentenfrei-setzenden
Stent bekommen und welche einen herkömmlichen. Die Ergebnisse mit den neuen
Stents sind sehr gut, halten in allen bisherigen
Studien und Registern den hervorragenden Anfangsergebnissen Stand, und sind
hinsichtlich der Restenoseproblematik überzeugend. Es treten im wesentlichen
nur noch Restenosen im Bereich von zwei bis drei Prozent auf, im Vergleich zu
20 bis 30 Prozent bei den alten Stents.
2. Als interventionell tätiger Kardiologe müsste ich eigentlich
jedem Patienten einen derartigen Stent zukommen lassen. Nur aus Budgetgründen
ist das nicht möglich, wobei mir kaum Argumente gegen die Verwendung eines
modernen Stents einfallen. Wenn ein Patient konkret nach einem modernen Stent
fragt, gibt es eigentlich keine Gründe, außer finanziellen, diesen
Wunsch abzulehnen. Mit anderen Worten, die konventionellen Stents sind eigentlich
aus medizinischen Gründen nicht mehr zu rechtfertigen. Wir müssen
dringend, auch im Lichte der gedeckelten Budgets Wege aus diesem Dilemma finden,
da Kardiologen diesen ethischen Konflikt eigentlich nicht alleine tragen sollten.
Auch das kürzlich verbreitete Positionspapier der Deutschen Gesellschaft
für Kardiologie hilft nur begrenzt weiter. Dieses Positionspapier empfiehlt
auf der Basis der derzeit publizierten Daten den Einsatz der medikamentenbeschichteten
Stents bei Stenosenlängen zwischen 15 und 30 mm, bei Gefäßdurchmessern
zwischen 2,5 und 3,5 mm, bei Stenosen bis zu 99 Prozent und bei Diabetikern.
Diese Hinweise sind nach meiner Einschätzung vielfach nicht hilfreich,
da sie das Alter der Patienten, die Möglichkeit einer Komplett-Revaskularisierung
bei jungen Patienten, und wichtige andere Indikationen völlig außer
Acht lassen. Wir befinden uns in einer Situation, in der die neuen Möglichkeiten
bereits jenseits der publizierten Datenlage Anwendung finden, so dass eine Dokumentation
aller behandelten Fälle im Register von eminenter Bedeutung ist. Wir nutzen
die Möglichkeit der neuen Stents relativ großzügig, wobei wir
insbesondere Wert auf den Einsatz bei jungen Patienten legen, bei denen mit
einem Stent eine Komplettrevaskularisierung gelingt. Des weiteren kommen Stents
zum Einsatz, wenn eine Restenose ein hohes Risiko bedeuten würde, oder
wenn überhaupt Stenosen von prognostischer Relevanz behandelt werden müssen.
Diese Aspekte sind leider im Positionspapier nicht berücksichtigt
worden. Ebenso sind die Bifurkationsstenosen, In-Stent-Restenosen und Hauptstammstenosen
gemäß den Empfehlungen des Positionspapiers eher keine sinnvolle
Anwendung. Die fortschreitend guten Daten sprechen allerdings eine andere Sprache,
so dass das Positionspapier wenig zur Lösung des Dilemmas im Register beiträgt.
(…)
3. Einen weiteren wichtigen Aspekt im Zusammenhang mit den neuen medikamenten-beschichteten
Stents stellt die veränderte Implantationstechnik dar. Da die neuen Stents
teuer sind, aber ein hohes Potenzial zur Verhinderung der Restenosen beinhalten,
muss mit den Ressourcen sehr sorgfältig umgegangen werden und technische
Fehler auf jeden Fall vermieden werden. Besonders muss eine
Abkehr erfolgen vom so genannten Spot-Stenting, wie es bisher üblich war
bei Verwendung konventioneller Stents. Stattdessen sollte ein medikametenbeschichteter
Stent vom gesunden bis zum gesunden Gefäßsegment erreichen und die
Läsion komplett abdecken. Darüber hinaus sollte eine Dilatation außerhalb
des Stents vermieden werden und bei der Vordilatation ein Ballon gewählt
werden, der kürzer als der implantierte Stent ist. Es ist inzwischen bekannt,
dass technische Fehler mit Traumatisierung außerhalb des gestenteten Segmentes
zu Restenosen führen können. (…)
4. Schließlich muss in enger Kooperation mit den Versicherungsträgern
und der Industrie ein Weg gefunden werden, die neuen Möglichkeiten zu
finanzieren. Erste Hochrechnungen zeigen, dass mit medikamentenbeschichteten
Stents sogar Kosten gespart werden können, besonders durch Vermeiden von
Folgekosten (…) Ein wichtiges
Anliegen sollte allen Beteiligten sein, eine möglichst realitätsnahe
Kosten-Nutzen-Rechnung zu erstellen, um mit initial höheren Investitionen
mittelfristig Ressourcen zu sparen.
Prof. Dr. Christoph A. Nienaber
Direktor der Abteilung
für Kardiologie
Universitätsklinik Rostock