| Cardio News, 26.09.2003, Nr. 9, S. 24 | |
Behandlung der Patienten mit Herzinsuffizienz/Kontroverse
um COMET-Studie
Gibt es den besseren Betablocker?
Wer sich um die Therapie von Patienten mit Herzinsuffizienz müht, hörte
die Botschaft gern: Es gibt einen unter den drei für Herzinsuffizienz zugelassenen
Betablockern, der das Leben der Patienten um weitere 1,4 Jahre verlängert
– zusätzlich zum bisher bekannten Therapie-Effekt. Doch gleichzeitig
überrascht diese Botschaft. Ist der Unterschied zwischen den Substanzen
so groß? Und vor allem: Ist jetzt nochmals eine Optimierung der Therapie
durch Auswahl der überlegenen Substanz nötig? Steht erneut ein Paradigmenwechsel
ins Haus?
Unter den drei bisher als gleichwertig angesehenen Betablockern bei Herzinsuffizienz
gibt es offenbar einen, der besser ist als ein anderer. Das ist kürzlich
aus der COMET-Studie hervorgegangen. Bei dem Metoprolol überlegenen Carvedilol
handelt es sich um einen nicht-selektiven Vertreter der Substanzklasse –
eine verblüffende Einsicht! - war man doch bisher von der Bedeutung der
beta-1-Selektivität für die Wirksamkeit der Substanzklasse überzeugt.
In der COMET-Studie ist nun ein Mortalitätsunterschied im Vergleich durch
den nicht-selektiven Betablocker aufgefallen. Ist Nicht-Selektivität also
besser als Selektivität? 3029 Patienten waren in die Studie aufgenommen
worden. Alle Regeln einer kontrollierten Studie wurden eingehalten. Kein Grund
also von einer Benachteiligung anderer Substanzen zu sprechen. Nichts ist mit
der COMET-Studie über den dritten Betablocker im Bunde, das Bisoprolol,
gesagt. Bisoprolol ist – ähnlich wie Metoprolol – eine Beta-1-selektive
Substanz. Was käme aus einem Vergleich mit dieser Substanz heraus? Steht
Bisoprolol auf der Verlierer-Seite? Fragen über Fragen!
Wo von Verlierer und Sieger die Rede ist, muss allerdings auch nach den Spielregeln
und der Fairness gefragt werden. COMET ist, das wurde bei einem internationalen
Heart Failure Meeting Ende Mai in Straßburg der Fachwelt klar –
eine methodisch saubere Studie, die inzwischen sogar an prominenter Stelle (The
Lancet, 5. 7. 2003) publiziert und beim europäischen Kardiologentreffen
in Wien diskutiert worden ist.
Trotzdem war in der wissenschaftlichen Diskussion mehrfach von Fairness die
Rede – einem Begriff, der eher im Sport als in der klinischen Medizin
zu Hause ist. Die Frage, ob es sich um eine faire Studie handelt, entzündete
sich an der verwendeten Formulierung des Metoprolol. Ein langwirksames Molekül
des Carvedilol stand in der Studie gegen ein kürzer wirksames. Andererseits
wurden äquipotente Dosierungen, die den gleichen Grad einer Betablockade
erreichen, im Verhältnis 1 zu 2, also 50 mg Carvedilol im Vergleich zu
100 mg Metoprolol für die Kopf-an-Kopf-Studie gewählt. Auch die de
facto erreichte Dosierung lag im richtigen Verhältnis eins zu zwei. Sind
Zweifel an der Fairness deshalb überhaupt angebracht?
Professor Thomas F. Lüscher aus Zürich hatte beim europäischen
Kardiologenkongress in Wien bei der Hot-Line-Session nach der Vorstellung der
COMET-Studie durch Studienleiter Professor Philip Poole-Wilson den Part des
Diskutanten übernommen.
Er bot eine Erklärung für den möglichen Zusatznutzen: Carvedilol
blockiert nicht nur beta-1 und –2, sowie alpha-1-Rezeptoren, sondern es
verfügt auch über antioxidative Eigenschaften. Im Kontext des oxidativen
Stress bei Herzinsuffizienz könnte dies von Bedeutung sein.
Das Studienprotokoll hielt er für gut ausbalanciert, es verfüge über
eine ausreichend große Population und biete deshalb ein reales Ergebnis.
Die eigentliche Frage, so Lüscher, laute: Sind die Dosierungen hinsichtlich
ihrer Betablockade vergleichbar? „Jeder Pharmakologe wird das bei dieser
Studie intensiv diskutieren“, lautete Lüschers diplomatische Formulierung.
Es gebe vom Metoprolol zwei arzneilich genutzte Formulierungen, das Tartrat
und das Succinat. Die schnell freisetzende Formulierung habe möglicherweise
Nachteile im Vergleich zum Succinat. Auch wurde in MERIT-HF, der Zulassungsstudie
für Metoprolol, eine höhere Dosierung des Metoprolol verwendet als
bei der Vergleichssubstanz in COMET.
Für ihn war deshalb die Frage offen, ob in COMET der gleiche Grad an Beta-1-Blockade
mit Metoprolol erreicht worden ist wie in der MERIT-HF-Studie. Das sei entscheidend,
wenn man den Zusatzeffekt durch das Carvedilol bewerten will.
Anhaltspunkte zur Beurteilung der Betablockade bietet die Pulsfrequenz in den
beiden Studiengruppen. Hier zeigte sich im Schnitt ein Unterschied von 1,6 Herzschlägen
pro Minute in Ruhe. Daten über eine Herzfrequenz unter Belastung liegen
nicht vor – eigentlich das Verfahren für die zweifelsfreie Beurteilung
der Betablockade. Auch bestand dieser Unterschied beim Puls nur in den ersten
Wochen der Studie. Deshalb die Frage: Kann ein so geringer Unterschied in einer
frühen Phase der Studie den großen Unterschied beim klinischen Endpunkt
erklären?
Das hielt Lüscher für unwahrscheinlich. Mehr ins Gewicht fielen nach
seiner Ansicht die Unterschiede in der Höhe des Blutdrucks der Patienten.
„Sogar kleine Unterschiede beim Blutdruck von zwei bis drei Millimeter
systolisch können große klinische Unterschiede bewirken“. Ein
Beispiel sei die schwarze Bevölkerung in der ALLHAT-Studie. Hier hatte
ein ähnlich kleiner Unterschied für eine relative Risikoreduktion
der Schlaganfall-Ereignisse um 30 Prozent gesorgt. Doch diese Beobachtung aus
ALLHAT könne nicht auf COMET übertragen werden, weil bei den Todesursachen
in COMET kein Schwergewicht auf dem Schlaganfall lag. Der hatte nur einen geringen
Anteil an den Todesursachen. Die Subgruppen-Analyse ergab zudem einen Effekt
in allen Patientengruppen – egal ob Diabetiker, Hypertoniker oder hohes
NYHA-Stadium. Mit dem Schlaganfall könne ein Unterschied in der Mortalität
nicht erklärt werden. Auch unerklärlich für Lüscher: Wie
kann die Mortalität verringert werden, ohne dass die Hospitalisierungsrate
beeinflusst wird? COMET ist die erste Herzinsuffizienz-Studie in der dies der
Fall ist. 17 Prozent relative Risikoreduktion in der Mortalität ohne Verringerung
der Krankenhauseinweisungen. „Zwei pharmakologisch nicht gleiche Substanzen
wurden in einer excellenten und gut designten Studie mit einander verglichen.“
Auf diese Formel brachte Lüscher die Diskussion. Und: „Es muss anhand
von weiteren Studien entschieden werden, ob diese Untersuchung fair war –
im eigentlichen Sinne“. Mit diesem Resumee hatte Lüscher aber auch
die versammelte Ärzteschaft ohne praktische Handlungsanweisung und damit
allein gelassen. Denn das, was jeden im Saal bewegte, war die Frage: Muss ich
nun meine Therapie bei den Herzinsuffizienz-Patienten umstellen, die Metoprolol
erhalten?
In die Bresche sprang hier Professor Karl Swedberg aus Göteborg, einer
der Studienleiter von COMET. Er vertrat in einer anderen Veranstaltung auf dem
ESC in Wien eine klare Meinung: Wenn ein Herzinsuffizienz-Patient Metoprololtartrat
erhält – und das ist derzeit etwa die Hälfte der Metoprolol-Verschreibungen
– dann sollte zu Carvedilol gewechselt werden. Hier gebe es nach COMET
keinen Spielraum für Diskussionen mehr. Erhält ein Patienten die in
MERIT-HF genutzte Studiendosierung des langwirksamen Metoprololsuccinat in Höhe
von 150 bis 200 mg, dann würde er an der Therapie nichts ändern. Bei
diesen Patienten ist mit einem Zusatzeffekt wohl nicht zu rechnen. In den nächsten
Richtlinien, so Swedberg, müsse nach dem augenblicklichen Stand der Dinge
zumindest eine Anmerkung enthalten sein, dass Carvedilol im Vergleich zu Metoprolol
keine Nachteile vorzuweisen hat. Rainer Klawki


Betablocker bei Herzinsuffizienz
Zugelassen sind etwa:
Carvedilol
(Dilatrend, Roche//
Querto, Altana)
Bisoprolol
(ConcorCor, Merck)
Metoprolol
(Beloc-Zok, AstraZeneca)