| Cardio News, 26.09.2003, Nr. 9, S. 8 | |
Moderne Hochdrucktherapie mit alten Medikamenten?
Die Kontroverse um den richtigen Weg hält an
Die vor neun Monaten veröffentlichten Ergebnisse der ALLHAT-Studie
haben in der Fachwelt eine Hochdruckkrise ausgelöst. Unerwartet schlechte
Noten erhielten in der Studie moderne Antihypertensiva wie Lisinopril und Amlodipin.
Das alte Diuretikum Chlorthalidon stahl seinen jüngeren Mitstreitern die
Schau – so jedenfalls die Interpretation der Studienleiter. Inzwischen
sind neue Hochdruck-Studien mit guten Ergebnissen etwa für den ACE-Hemmer
Perindopril (Europa-Studie, siehe Seite 16) veröffentlicht worden. Trotzdem
spukt ALLHAT weiter in den Köpfen der Verordner. Aufgrund einer Reihe von
methodischen Unzulänglichkeiten lassen die Resultate von ALLHAT eigentlich
keine weitreichenden Schlussfolgerungen zu. Die Frage, wie die Daten von ALLHAT
zu deuten sind, hat die Gemüter weltweit erhitzt – und auch Politiker
treten auf den Plan, die von der Studie gehört haben.
Kritiker von ALLHAT bemängeln vor allem das Studienprotokoll: So waren
viele gängige und nachweislich wirksame Therapien – etwa die Kombination
von Diuretika mit ACE-Hemmern oder mit Betablockern – nicht erlaubt. Als
problematisch bezeichnete Professor Michael Böhm von der Universitätsklinik
in Homburg/Saar außerdem die hohe Abbruch-Rate. Fünf Jahre nach Beginn
der Studie hatten in jeder Gruppe etwa 30 Prozent der Patienten das ursprünglich
verschriebene Medikament abgesetzt. Damit besitze die Untersuchung nicht mehr
genügend statistische Power, um bedeutsame Interpretationen zu erlauben.
ACE-Hemmer bei Schwarzen weniger wirksam
Erheblich geschmälert wird die Aussagekraft der Studienergebnisse ferner
durch den hohen Anteil (35 %) an Schwarzen. So weisen Amerikaner afrikanischen
Ursprungs oft sehr niedrige
Reninwerte auf. Der renommierte amerikanische Hochdruckforscher John Laragh
von der Cornell Medical Universität in New York umschrieb dieses Phänomen
als „Bottle-Neck-Effect“. Zu Zeiten des Sklavenhandels überlebten
demnach bevorzugt jene Afrikaner die strapaziöse Verschleppung nach Amerika,
die über einen effizienten Salz- und Wasserhaushalt verfügten. Dies
habe zu einer „positiven Auslese“ von Personen mit niedrigem Renin
zur Folge gehabt, da eine vermehrte Natriumrückresorption in der Niere
zu einer Hemmung des Renin-Angiotensin-Systems führt. Für Laragh ist
dies der Grund, weshalb die Hypertonie bei schwarzen so häufig mit niedrigen
Reninwerten einhergeht. Patienten mit „Low-Renin-Hypertension“ sprechen
aber bekanntlich schlecht auf ACE-Hemmer an, wohingegen sich ihre Hypertonie
mit Diuretika in der Regel gut beherrschen lässt. Entsprechend kann man
davon ausgehen, dass Lisinopril bei den Teilnehmern schwarzer Hautfarbe vergleichsweise
schlecht gewirkt hat. Der große Anteil an Patienten mit schwarzer Hautfarbe
könnte nicht zuletzt eine Erklärung für die erstaunlich geringe
antihypertensive Wirksamkeit des ACE-Hemmertherapie in ALLHAT gewesen sein.
Erhöhtes Diabetesrisiko unter Chlorthalidon
Bedenklich stimmt nicht zuletzt, dass die mit dem Diuretikum behandelten Patienten
häufiger an Diabetes erkrankten als die Teilnehmer der beiden anderen Therapiegruppen.
Dieser Effekt, der auch von anderen Arbeitsgruppen beobachtet wurde, könnte
die durch die Blutdrucksenkung bewirkte Verbesserung der Prognose langfristig
wieder zunichte machen. Darauf wies Böhm in einem Gespräch hin. Auch
Elektrolytstörungen und Entgleisungen des Fett- und Kohlenhyratstoffwechsels
kamen unter dem Diuretikum häufiger vor.
Thiazid-Diuretika für JNC-7 wichtigste Antihypertensiva
Ungeachtet der vielen Kritiken stützen sich die Autoren der neuen amerikanischen
Hypertonie-Therapieleitlinien maßgeblich auf die Ergebnisse von ALLHAT:
In dem auffallend eilig zusammengestellten, siebten „Report of the Joint
National Committee on Prevention, Detection, Evaluation, and Treatment of High
Blood Pressure“ (JNC 7) räumen sie den Diuretika eine herausragende
Stellung bei der Behandlung von Hypertonikern ein. Als einen wichtigen Beweggrund
für ihre Empfehlung nennen sie die geringen Kosten für die Diuretikatherapie.
Die Studienleiter von ALLHAT waren an der Erstellung des JNC-7 maßgeblich
beteiligt. Welchen Einfluss dies auf die neuen Empfehlungen ausgeübt hat,
lässt sich zwar nur schwer feststellen. Tatsache ist jedoch, dass der JNC-7
Thiazid-Diuretika als Hochdruckmittel der ersten Wahl empfiehlt. Die neueren
Antihypertensiva (ACE-Hemmer, Angiotensin-Antagonisten, Betablocker und Calciumantagonisten)
sollten zudem vorwiegend in Kombination mit Diuretika verabreicht werden. Als
Initialtherapie kommen sie dem JNC-7 zufolge nur dann in Betracht, wenn es hierfür
triftige Gründe – etwa Begleiterkrankungen – gibt.
Europäer sind bisher einer anderen Ansicht
Kurz nach Erscheinen des JNC 7 ging „Old Europe“ in die Offensive:
In einer gemeinsamen Leitlinie verweisen die Europäischen Gesellschaften
für Hypertonie und für Kardiologie die Diuretika auf ihren bisherigen
Platz als Par inter Pares (J. Hypertens. 2003, Bd. 21, S. 1011). Alle gängigen
Klassen von Antihypertensiva können demnach gleichermaßen als Initialmedikation
angewandt werden.
Dieser Ansicht schließen sich auch die Internationale Gesellschaft für
Hypertonie und die Deutsche Hochdruckliga an. Nach dem Dafürhalten der
europäischen Experten gibt es bislang keine stichhaltigen Belege dafür,
dass Antihypertensiva das kardiovaskuläre Risiko auch unabhängig von
ihrem Blutdrucksenkenden Effekt vermindern. Im Einzelfall müsse daher jeder
Arzt selbst entscheiden, welches Hochdruckmittel jeweils das geeignete ist.
Die Diskussion um die Frage, welches Medikament als Mittel der ersten Wahl gelten
könne, geht nach Aussagen des Schriftleiters der neuen europäischen
Leitlinien, Alberto Zanchetti von der Universität in Mailand, ohnehin an
der Realität vorbei, zumal die meisten Hypertoniker sowieso mit mindestens
zwei Antihypertensiva behandelt werden müssen.
„Prähypertonie“ statt hochnormaler Blutdruck?
Nicht übernommen haben die Europäer den im JNC-7 neu geprägten
Begriff der „Prähypertonie“. Gemeint sind damit Blutdruckwerte
zwischen 120 und 139 systolisch und 80 bis 89 diastolisch. In den europäischen
Leitlinien werden solche Werte weiterhin als hochnormal bezeichnet. Der Gedanke
dabei ist, die Betroffenen nicht unnötig zu verängstigen. In den USA
verfolgt man stattdessen das Ziel, auf das erhöhte kardiovaskuläre
Risiko aufmerksam zu machen.
Nicola von Lutterotti

Empfehlung der Deutschen Hochdruckliga zur medikamentösen Hypertoniebehandlung
Zur Verfügung gestellt von:
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